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Wörgl, Komma

In der Tat eine sehr schöne Strecke, nur unterbrochen vom Mittagessen am Wörthersee und einem Kurzaufenthalt in einer „Jausenstation“ am Ausgang des Felbertauerntunnels. Abends in Wörgl nahezu in Kompaniestärke zum Italiener. Der geplante Kinobesuch entfällt, weil ausschließlich Schrott läuft. Am Vormittag des Showtages suche ich vergeblich nach so etwas wie einer Altstadt, die hat man wohl peu á peu modernisiert. Wörgl ist während der Ski-Saison wie man mir erzählt ziemlich gut im Rennen, und somit ist alles auf diese Zeit des Jahres zugeschnitten. Bausünde über Bausünde, Shopping Malls und weitere Einkaufszentren an den Ausfallstraßen. Verbringe den Nachmittag vor dem Soundcheck mit Arno Geigers Roman „Alles über Sally“ in einem Straßencafé, das ich nach fünf Latte Macchiatos und einem Stück Erdbeerkuchen in absoluter Urlaubsstimmung verlasse. Da hat dann also auch keine Bausünde was dran versauen können. Das „Komma“ befindet sich (wo wohl?!) auf der Rückseite einer Shopping Mall und ist dermaßen etabliert, dass sowohl die Leute aus dem 68 Kilometer entfernten Innsbruck, wie die aus Kufstein (12 km) herkommen. Auf rheinische Dimensionen übertragen undenkbar, denn kein Schwein kriegt in Köln mit, wenn beispielsweise in Koblenz irgendein interessanter Act angekündigt wird beziehungsweise müsste man den dann schon extrem mögen, um sich dahin zu bewegen. Hier geht sowas offensichtlich.
Die Hütte ist voll wie eine Sardinendose und auf alles, was ich in meiner ersten Moderation an hier in der Gegend Erlebtem erzähle, kommen zustimmende Reaktionen. Hatte erst im Laufe des Tages registriert, wie nahe wir an Kufstein, Jan Dix´erstem Gig als BAP-Trommler, sind. Mitten in der 82/83er Tour hatten wir uns nach dem Konzert in Sargans schweren Herzens von Wolli getrennt und bis Kufstein keinerlei Gelegenheit gehabt, das komplette Programm mit seinem Nachfolger einzuproben. Ein paar entscheidende Breaks beim Soundcheck, der Rest wurde von allen außer mir mit dem Rücken zum Publikum per heftigster Körper- und Zeichensprache während der Show übermittelt. „Learning by doing“ nennt man sowas. Werde nie den Moment vor Konzertbeginn hinter der Bühne vergessen, als Jan im Norweger-Pullover auftauchte und auf die Frage ob er den anlassen wolle, antwortete: „Ja, ich friere leicht“. Zwei Songs später war er patschnass und sehr dankbar für das T-Shirt, das ihm ein aufmerksamer Roadie zuwarf. „Ich friere leicht“ ist jedenfalls seitdem ein fester Bestandteil des bandinternen Vokabulars. Die heutige Show gelingt perfekt, nicht zuletzt auch wegen dieses wunderbaren Publikums, viele von ihnen übrigens jünger als die Band, was allerdings so langsam kein Kunststück mehr ist. Sogar Fans mit 1.FC-Köln-Schals und Trikots sind zugegen, was die Aufführungen von „Aff un zo“ und „Nix wie bessher“ natürlich enorm beflügelt. Nach der Show noch ein höchst konspiratives Zusammensein mit der Crew in der Rezeption des „Schlachtnerhofs“, bei Kerzenlicht (weil der Strom bereits abgestellt ist!!) und mitgebrachten Getränken, bevor ich mich in meine Gemächer zurückziehe, wo ein „corrected Klimt“ über meinem durchgelegenen Bett eine zweite Nacht über meinen zufriedenen Tiefschlaf wachen wird. Irgendwie hatte wohl vor ewigen Zeiten der zuständige Innenarchitekt nicht mitbekommen, dass das Liebespaar des wohl berühmtesten Jugendstilbildes „Der Kuss“ im Stehen diesen Akt vollzieht. Robin Page hätte seine helle Freude an dieser Variante gehabt. Zum ersten Mal nach langer Zeit bereue ich es, keinen Fotoapparat mitgenommen zu haben, mein Handy fällt mir jetzt erst ein.

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