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Kongo

Dienstag, 20.April bis Freitag, 24. April 09
Köln, Amsterdam, Nairobi, Kigali, Goma und zurück

Die erste Etappe in Richtung Kongo beginnt auf dem Köln-Bonner Flughafen mit dem Abflug nach Amsterdam um 7:15, von wo es dann weiter über Nairobi (Kenia) nach Kigali (Ruanda) geht. Treffe in Wahn Dr. Hans-Joachim Preuß, den Vorstandsvorsitzenden der Welthungerhilfe, der mich eingeladen hatte, mit ihm gemeinsam zum symbolischen Spatenstich (in diesen Fall eher Baggerstich) zur Wiederherstellung des Rollfelds des „International Airport Goma“ in den Ostkongo zu fliegen. Im Januar 2002 hatte ein Ausbruch des Vulkans „Nyiragongo mehr als ein Drittel des Rollfeldes unter einer bis zu 4 Meter dicken Lavaschicht begraben, so dass es seitdem äußerst schwierig ist, hier zu starten oder zu landen. Lediglich kleinere Flugzeuge – maximal Antonov 24 und DC9 – schaffen das und nicht selten kommt es zu furchtbaren Unfällen, zuletzt im März 2008, als eine DC9 in ein angrenzendes Marktviertel raste und 48 Todesopfer forderte. Die Welthungerhilfe, die sich in der Innenstadt von Goma bereits frühzeitig um eine Wiederherstellung von Straßen gekümmert hat, wird sich in den kommenden drei Jahren mit diesem Rollfeld befassen, nicht zuletzt, weil hier notgedrungen sämtliche Hilfsflüge für diese nahezu infrastrukturlose Krisenregion eintreffen.

Nach den Zwischenaufenthalten und ungefähr zwölf Stunden Flugzeit landen wir gegen 23:00 Uhr in der ruandischen Hauptstadt, wo uns Dagobert Holtwick, der Cheftechniker der Welthungerhilfe Goma, abholt, um uns ins Hotel „Chez Lando“ zu bringen. Am nächsten Morgen dann noch gut drei Stunden Fahrzeit bis zur Grenze Gisenyi/Goma, einchecken im Hotel „Ihusi“ und direkt danach zum Ort des Geschehens. Unglaublich, wie schlagartig sich der Anblick Afrikas auf diesen wenigen Kilometern hinter der Grenze ändert. Das unter Kagame nahezu preußisch organisierte, inzwischen saubere, korruptionsfreie und sichere Ruanda geht nahtlos über in das Chaos und den Dreck dieser Bürgerkriegsregion. Überall sind UN-Truppen aus Südafrika, Ghana, Indien und Nepal im Einsatz. Weißlackierte Panzerspähwagen mit Blauhelmen in schusssicheren Westen, wohin man auch sieht. So martialisch diese Militärs jetzt auch daherkommen, im vergangenen Oktober sahen sie sich (trotz robustem Mandat, wie ich dazulerne) nicht in der Lage, den auf Goma vorrückenden Rebellen des Tutsi-Generals Nkunda entgegenzutreten. Das Ergebnis war eine planlose Flucht der Zivilbevölkerung und des kongolesischen Pseudo-Militärs, bei der wahllos Panzer über alles, was im Weg war, hinwegrollten. Zum Glück, bzw. vermutlich auf Anweisung aus Kigali, stoppte der Vormarsch Nkundas dann aber wenige Kilometer vor der Stadt, der zum Saubermann hochstilisierte Gentleman-Rebellenführer wurde vom ruandischen Militär unter Arrest gestellt und seitdem herrscht angespannte Ruhe. Heute allerdings wird gemeldet, dass es sechzig Kilometer nördlich von Goma wieder zu Plünderungen durch irgendeine Miliz gekommen ist. Noch gar nicht lange her, das Nkunda Bukavu einnehmen wollte und seinen Rebellen danach zur Belohnung freie Hand bezüglich der Behandlung der weiblichen Bevölkerung gelassen hat. Massenvergewaltigungen waren die Folge.

Auf dem Flughafen, wo wir dann zum ersten mal selbst inmitten dieser unüberschaubaren, erkalteten Lavamassen stehen, erwartet uns Georg Dörken, der Projektmanager dieses Vorhabens, um uns vor Ort einen kleinen Grundkurs zu geben und – falls nötig – Fragen zu beantworten. Drei Jahre wird es dauern, bis die Rollbahn wieder so genutzt werden kann, dass keine überdurchschnittliche Gefahr mehr für die unmittelbar angrenzende Stadt besteht. Bis dahin wird man vor allem bei jedem Start und bei jeder Landung einer der größeren Maschinen die Luft anhalten.

Ich erfahre im Laufe meiner zwei Tage in Goma, dass inzwischen der Preis von Koltan auf dem Weltmarkt stark gefallen ist, weil dieses Metall, das in der Handyproduktion unentbehrlich ist, mittlerweile auch in Australien gefördert wird und somit das Monopol gebrochen ist. An seine Stelle ist jetzt allerdings Cassiterite (Zinkoxyd) getreten, das die Rüstungsindustrie für Stealth-Tarnkappen-Flugzeuge braucht. Der illegale Handel mit Bodenschätzen floriert also nahtlos weiter, die Korruption macht auch weiterhin einige wenige schnell reich und beraubt die Masse jeglicher Chance auf eine Normalisierung ihrer Situation. In kleinen Flugzeugen, die man in Goma fast liebevoll „Cassiterite-Bomber“ nennt, kommt das Zeug hier an, wird zwischenverarbeitet und entschwindet dann, wie bisher das Koltan, mysteriöserweise größtenteils unzertifiziert per Containertruck über die Grenze nach Uganda und weiter zu den Seehäfen von Mombasa oder Dar-es-Salam. Wer mag da wohl dran verdienen?! Wägt man jedoch ab, dann darf die Korruption aber nicht verhindern, dass dieser Flughafen vor allem für die Hilfsflüge der UN endlich wieder voll funktionstüchtig wird, denn leider ist noch lange nicht in Sicht, wann sich die Situation hier im Ostkongo wieder dauerhaft stabilisiert haben wird. Bis dahin ist dieses riesige Gebiet halt nur über Ruanda oder vollkommen kaputte Dschungelpisten aus Uganda zu erreichen. Ehemals existierende Straßen sind zu Trampelpfaden geworden, es gibt keinerlei Straßenverbindung zur Hauptstadt Kinshasa, wo dem ehemaligen Hoffnungsträger Joseph Kabila immer noch nichts Sinnvolles zum Thema Ostkongo eingefallen ist. Stattdessen hört man, er baue jetzt Luxushotels in Tansania.

Anderes Thema: Den Plan, zur der feierlichen Inauguration ein Lied beizusteuern, lassen wir sehr schnell fallen, denn wieder einmal ist die Zusammenstellung des Beschallungsequipments eine Total-Katastophe. Didi hätte nur sehr begrenzt Freude daran. Damit nicht wieder das passiert, was normalerweise passiert, wenn man zwei Mikros bestellt (eins für die Stimme, eins für die Gitarre), nämlich das diese dann OHNE Stativ bereitLIEGEN, hatte ich diesmal ausdrücklich um zwei Mikroständer gebeten. Was passiert? Eins kommt tatsächlich mit Stativ, das zweite ist allerdings ins Rednerpult eingearbeitet, so dass es mir schon unter rein anatomischen Gesichtspunkten unmöglich ist, aufzutreten. Es sei denn, ich spiele völlig unplugged, was sich später allerdings ebenfalls als Unfug herausgestellt hätte, da der Fluglärm des laufenden Betriebs eben nicht, wie angekündigt, mit Beginn der Feier ab- sondern eher zunimmt.

Eine Feier, die ich wohl so schnell nicht vergessen werde: Im Schatten eines Flugzeugwracks, das seit dem Vulkanausbruch vor sieben Jahren auf einer abgeschnittenen Parkposition steht und dort vor sich hingammelt, stehen Hunderte von Neugierigen, um sich die Reden des extra eingeflogenen Ministers für Transport und Kommunikation, des Provinzgouverneurs, des Deutschen Botschafters, Dr. Preuß’ ersten Baggerstich, sowie die entsprechenden Nationalhymnen, dargeboten von einer hoffnungslos überforderten Militärkapelle, nicht entgehen zu lassen. Zwischendurch verfinstert sich der Wolkenhimmel in biblischem Ausmaß und diverse Cargomaschinen blasen zusätzlich verheerende Staubböen in unsere Richtung, so dass etliche, als Sonnenschutz gedachte, Zelte von dannen fliegen. Stromausfälle mindestens alle dreißig Sekunden, Rückkopplungen, und was der Wind mit Mikrophonen ohne Schaumgummi-Aufsatz veranstalten kann, hat man ebenfalls nicht bedacht. Egal, mit Humor betrachtet, hat die Chose sogar großartige Momente. So steht für mindestens eine halbe Stunde ein gigantischer Regenbogen zwischen der tiefschwarzen Wolkendecke und dem schattenspendenden Flugzeug neben dieser meterhohen Lavaschicht, auf der das beschriebene Slapstickprogramm abläuft. Hinter uns, was wird erst beim anschließenden Umtrunk sehen und anscheinend als absolute Rarität gilt, zeigt sich der Vulkan in seiner ganzen Pracht, ohne jeglichen Wolkenkranz vor klarstem Himmel.

Nach der Veranstaltung noch eine kleine Stadtrundfahrt, bevor der Tag mit einem Festbankett, auf dem tatsächlich sämtliche Honoratioren erscheinen, zu Ende geht.

Am Donnerstag morgen nach dem Frühstück außerplanmäßig wieder zum Rollfeld, wo sich ungefähr 500 Menschen angesammelt haben, weil das Gerücht kursiert, heute würden hier die Arbeiter eingestellt. Dass dem natürlich nicht so ist und die Auswahl unter bestimmten Voraussetzungen gemacht und keinesfalls übers Knie gebrochen wird, muss ihnen jemand so einfühlsam wie möglich beibringen. Es ist rührend zu sehen, mit welch hoffnungsvollen Mienen diese Menschen der Arbeit an diesem Projekt entgegenfiebern. Bei einer Arbeitslosenrate von 90% und dem, was sie seit Jahren durchleiden, allerdings auch kein Wunder. Vor allem, um der Bevölkerung Verdienstmöglichkeiten zu geben, wird die Räumung des Rollfeldes, soweit es geht, per Handarbeit vonstatten gehen. „Cash for Work“ heißt das Prinzip und nur da, wo die Manpower nicht ausreicht, wird schweres Gerät zum Einsatz kommen. Die 14,7 Millionen Euro, die unser Ministerium für Zusammenarbeit bereit gestellt hat, sind nur ein Viertel der Summe, die die deutsche Firma Strabag für die Rehabilitation der Rollbahn nehmen würde (Abgesehen davon, dass die Strabag keine Aufträge im Ostkongo mehr annimmt, weil ihr durch die Plünderungen der letzten Jahre ein Gesamtschaden von ca. 10 Millionen Euro entstanden ist). Ein bevölkerungsfreundliches Konzept also, das sogar eine 30prozentige Frauenquote beinhaltet, was absolut ortsunüblich ist.

Bevor wir uns zurück auf den Weg nach Kigali machen, bleibt noch Zeit, um eins von vielen I.D.P.-Camps (Internal Displaced Persons) vor der Stadt, das Lager Mugunga, zu besuchen, in dem momentan 6500 Menschen unter unbeschreiblichen Umständen, völlig auf sich allein gestellt, vor sich hin vegetieren. Sie sind seit Jahren auf der Flucht vor irgendwelchen Milizen. Der Kirche, die ihnen diese gelben Plastikbahnen gegen Regen gegeben hat, ist das Geld ausgegangen, das World-Food-Programm hat seine Hilfe eingestellt, und da, wo sie herkommen, beschützt sie überhaupt keiner. Dann schon lieber in der Nähe der im Ernstfall zahnlosen Monuc hungern und im Dreck leben. Es ist zum erbarmen. Unfassbar, dass so etwas in dieser fruchtbaren, von den Grundvoraussetzungen her eigentlich paradiesischen Gegend vor sich geht. Mein Respekt vor denen, die hier unverdrossen humanitäre Hilfe leisten und nicht zu Zynikern mutieren, wächst minütlich. Ich für meinen Teil bin erst mal ratlos. Muss wohl dringend an meinem Frustrationslevel arbeiten.

Danach zurück nach Kigali, von wo aus wir am Freitagmorgen um 4:00 Uhr den Rückflug über Nairobi und Amsterdam nach Köln antreten. Wenn alles nach Plan läuft, landen wir kurz vor den Tagesthemen in Wahn. Viel dazugelernt.

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