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Köln/Bonn/Stuttgart

Samstag, 25.April bis Donnerstag, 30.April 09

Der Samstag geht in Gänze mit relaxen drauf. Mein Versuch, für den Kölner Stadtanzeiger einen Artikel über die eigenartige Promotion zur Veröffentlichung des Dylan-Albums zu schreiben, scheitert an meiner Müdigkeit. Sonntags nach dem Frühstück klappt es dann schon besser. Faxe ihn in Schönschrift an die Redaktion, da ich das Gefühl habe, dass er nicht allzu lange nach der darin erwähnten Rezension erscheinen sollte. Als er schließlich dann doch erst Dienstags abgedruckt wird, stelle ich fest, dass er durch die Kürzung harmloser geworden ist, als ich mir das gedacht hatte. Von daher an dieser Stelle sozusagen der „Director’s Cut“:

„Einmal ist keinmal“ oder „Younger than that now“

>Er ist eben nicht mit 10,12, 13,15, 151/2, 17 und 18 von zuhause weggerannt und immer, bis auf ein einziges Mal geschnappt und zurückgebracht worden, wie er in „My life in a stolen moment“ behauptet. Er ist nur einmal abgehauen und nie geschnappt und zurückgebracht worden. Und seitdem – das war Anfang der 1960er Jahre vom Provinzkaff Hibbing in Minnesota nach New York City – hat er 33 reguläre Studioalben veröffentlicht. Sein neuestes Werk erschien am vergangenen Freitag und trägt den für Dylan-Verhältnisse fast schon ranschmeisserischen Titel „Together through life“

Ich saß auf dem Rückweg aus dem Ostkongo im Flugzeug und dachte darüber nach, dass ich es noch am selben Abend endlich in den Händen halten und die Gelegenheit haben würde, es mir in Ruhe zum zweiten, dritten, vierten, viereinhalbten und siebten Mal anhören zu können. Vor drei Wochen war mir das denkwürdige Privileg zu teil geworden, es mir EINMAL ohne jegliches Begleitmaterial wie Credits oder ausgedruckte Songtexte auf dem heimischen CD-Player zu Gemüte zu führen. Das Mitlesen der Lyrics schade der objektiven Wahrnehmung des Gesamteindrucks, erklärte mir der Mann von des Meisters Plattenfirma damals, womit er sicher recht hatte. Aber da ich ja wusste, dass ich Dylan am Tag danach in Saarbrücken treffen würde, um ihm eine bei einer befreundeten Hannoveraner Plattenfirma bestellte Lapsteel-Gitarre zu übergeben, wollte ich natürlich möglichst viel von dem in Erinnerung behalten, was ich da hörte. Was blieb mir also anderes in übrig, als mir Notizen meiner Spontan-Eindrücke zu machen und sie mit dem zu vergleichen, was man sich zu diesem Zeitpunkt schon aus dem Internet ziehen konnte?! Schließlich wollte ich natürlich auch über sein neues Album mit ihm reden, denn ich weiß aus eigener Erfahrung ja nur zu gut, dass man gerade in einer Phase vor der Veröffentlichung fast nur noch an sein „Baby“ denken kann, schließlich steckt da das Herzblut der vergangenen Monate drin.

Zwischenaufenthalt in Amsterdam. Kaufe mir „Die Zeit“ und bin gespannt darauf, wie das Flaggschiff des seriösen deutschen Journalismus wohl mit dieser Promo-Verknappungsstrategie umgegangen ist, denn auch die wichtigsten Multiplikatoren durften das Werk ja lediglich EINMAL im Beisein des Sony-Promoters hören und die einzige aktuelle Informationsquelle zum Stand der Dylanschen Denke bildete ein in sechs Folgen aufgeteiltes, countdownmäßig ins Internet gestelltes Interview und die, im vorauseilenden Gehorsam verfassten Artikel in den britischen Musikmagazinen „Uncut“ und „Mojo“. Es gäbe jetzt den „Multimedia-Dylan“ lautet die ansonsten nur kränklich untermauerte Hauptthese des Zeit-Artikels. Ansonsten laviert sich sein Verfasser mit einer Aufzählung von Altbekanntem durch das Problem, kaum etwas Neues zu wissen, dazu aber unbedingt eine Meinung haben zu müssen. Amüsant zu sehen, das auch er sich bei seinem EINMALIGEN Hören Notizen gemacht hat. Er vermag sogar kurze Textfragmente zu zitieren und hat sich – wie übrigens auch ich – notiert, dass der Meister sogar am Schluss von „My wife’s hometown“ lacht, was natürlich unbedingt nach Interpretation schreit. Wenn ich auf meine Zettel schaue, stelle ich eine weitere Gemeinsamkeit fest: „Melodien zu bewährten Akkorden“ schreibt „Die Zeit“. Ich hatte mir zu Song Nr.9 notiert: „Die erste Komposition außerhalb des Blues-Schemas“ und DAS Fade.“ Leider habe ich in der Zwischenzeit allerdings vergessen, was an dieser Ausblende so epochal gewesen sein.

Die letzte Etappe meiner Rückreise verbringe ich neben einem Herren in Nadelstreifen, der mir kurz nach dem Start ohne große Vorrede einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung rüberreicht. Er habe ein paar Tage in Australien zu tun gehabt und wenn bei „amazon“ keine Lieferschwierigkeiten aufgetreten seien, läge „Together through life“ bereits abspielbereit zu Hause in seinem CD-Player. „Das beste Dylan-Alben seit dreißig Jahren“ schreibt Willi Winkler in der SZ, was einmal mehr belegt, wie außerordentlich auffassungsbegabt und kompetent der Mann ist, auch wenn er in einem Nebensatz quengelt , es gäbe doch wohl den einen oder anderen Kollegen, der das Werk ZWEIMAL (!) hören durfte. Beruhigend, dass er da nach seiner ersten servilen Beurteilung in Zukunft auch drauf hoffen darf.

Spaß beiseite, auch der ganz Unfug, der in diesem Zusammenhang mangels Information so zusammengeschwurbelt wurde: Woran liegt es, dass ein 68-jähriger Nichtsänger und Schrammler, der seine Kirmesorgel bei seinen Auftritten zuweilen in bester Helge Schneider- Manier traktiert und sein treues Publikum ostentativ ignoriert, mit dem uralten merkantilen Taschenspielertrick „Nachfrage schaffen durch Verknappung“ durchkommt und erwachsene, aufgeklärte Menschen dazu bringt, sich das Release seines neuen Albums in ihren Terminkalender einzutragen? Es kann nur eine Antwort mit vielen, vielen Zusatzerklärungen geben: Weil Bob Dylan der unbestritten bedeutendste Singer/Songwriter der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist und ihm zumindest diejenigen, die seine Arbeit durch sämtliche Höhen und Tiefen verfolgt haben, von ganzen Herzen für sein Werk danken: Für die unkonventionellen Folksongs der frühen Sixties, die drei genialen elektrischen Alben danach, „Bringing it all back home“, „Highway 61 revisited“ und die Doppel-LP „Blonde on Blonde“. Aufgenommen innerhalb eines Zeitraums von lediglich 14 Monaten, nach denen bezüglich Rock-Lyrik definitiv nichts mehr wie vorher war. Für das selbstzerfleischende und liebeskummerwunde „Blood on the tracks“, das funkelnde Zigeuner-Album „Desire“, aus dem eine der kuriosesten und waghalsigsten Tourneen der Rock-Geschichte, die „Rolling Thunder-Review“ hervorging, vielleicht sogar für die Sturheit und das Standing, mit dem er seine religiöse Phase von „Slow train coming“ bis „Shot of love“ durchhielt, egal, wie viel Hämekübel dafür über ihm ausgeschüttet wurden. Auch das Gefühl des Aufatmens vereint die Gemeinde, wenn beispielsweise nach drei unterirdisch misslungenen, lustlosen Alben ein Jahrhundertwerk wie „Oh Mercy“ erscheint. Spätestens seit „Time out of mind“, dem ersten seines inzwischen vier Alben umfassenden, ebenso kauzigen wie würdevollen Alterswerks, kann man dem Tag einer Veröffentlichung wieder beruhigter entgegenfiebern. Auch wenn einem immer klarer wird, dass unser aller Polarstern auch diesmal nicht das Rad der kompositorischen Innovation erfunden haben wird, sondern weiterhin seine Geschichte fortschreibt. So wie er in dem weiter oben erwähnten sechsteiligen Interview sagt:“ Ich schreibe keine Theaterstücke. Die Leute in meinen Songs sind alle wie ich.“ Ohne ihn wären die Leben von vermutlich sehr vielen Menschen anders verlaufen.
Apropos „Alterswerk“: Bob Dylan ist spätestens seit „Time out of mind“ so alt wie er im Alter von 23 Jahren in „My back pages“ sein wollte: „Ah but I was so much older then, I’m younger than that now.“ Und für alle, die es interessiert, von den Exegeten und Erbsenzählern bis zum einfachen Fan-Fußvolk, der Mann war gut drauf und optimal in shape, als ich ihm nach seinem Konzert in Saarbrücken diese Gitarre übergeben habe, sogar zum scherzen war er aufgelegt. Wir müssen uns keine Sorgen machen.< Dienstag Mittag besucht mich der bayerische Kollege Werner Schmidbauer, um mit mir den Ablauf unserer gemeinsamen „Aufgspuilt“-Aufzeichnung beim BR zu bereden. Angenehmer Kerl, das wird bestimmt eine erfreuliche Geschichte. Der Hammer ist ein Foto, dass er mitgebracht hat: Es zeigt uns beide im Münchner „Alabama“ bei der Live-Sendung unmittelbar nach dem Platzen unserer DDR-Tour. Er war damals der Moderator dieser Sondersendung. Mittwoch morgens nach Bonn zum Gymnasium von Hellmän’s Tochter Ivola, wo wir auch Mirco Keilberth treffen. Zwei Rebound-Veranstaltungen für unterschiedliche Altersstufen stehen an. Danach ICE nach Stuttgart, auf den Fernsehturm, ebenfalls Rebound. Hatten mit Günther Scheidewind vom SWR ausgemacht, hier vor ausgelostem Publikum so was wie letztens in Aachen und Berlin zu veranstalten. Didi und Oliver sind auch zugegen, wir zeigen Ausschnitte aus der DVD, unterhalten uns, ich beantworte Fragen aus dem Publikum und spiele zum Abschluss noch ein paar Songs.

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