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Goma / Buganga

Nach einem ausführlichen Sicherheits-Briefing brechen wir mit drei Geländewagen in Richtung Buganga im Süd-Kivu auf. Raus aus dieser deprimierenden Stadt, die mitten im Bürgerkrieg auch noch zu einem großen Teil vom Lava des Vulkans Nyiragongo überzogen wurde, sodass die Menschen ihre Behausungen auf der Lavaschicht neu errichten mussten. Wo man auch hinsieht, überall Staub und schwarzes Lavageröll. Dementsprechend auch die Straßenverhältnisse, eine über zweistündige Holperstrecke bisher unbekannten Ausmaßes ist zu bewältigen. An einer Stelle hat die Wasserflut eines zur Regenzeit heftig gestiegenen Baches die Brücke weggerissen, sodass wir ihn durch eine Furt überqueren müssen.
Unser erster Halt findet im eigentlich aufgelösten IDP-Camp (Internally Displaced Persons = Binnenflüchtlinge) statt. Da laut kongolesischer Regierung der Krieg vorbei sei, hat man die Wasserversorgung dieses immer noch von über 500 Personen (davon über 300 Kinder) genutzten eingestellt und den Leuten gesagt, sie sollten in ihre Heimatdörfer zurückgehen. Dies ist allerdings vor allem für die im Dschungel lebenden hiesigen Pygmäen unmöglich, denn da wo sie herkommen, verstecken sich alle möglichen marodierenden Milizen, sodass es an Selbstmord grenzen würde, dorthin zurückzukehren. Es bricht einem das Herz wenn man sieht, wie verzweifelt sich diese Menschen an dieses Dreckloch hier klammern, weil es ihnen wenigstens eine kleine Überlebenschance zu bieten scheint. Wir können nicht wirklich großartig etwas für sie tun, die WorldVision-Leute versprechen ihnen, zumindest neue Plastikplanen zum Decken ihrer Gemeindebracke, die Kindergarten und Schule beherbergt, zu bringen, weil die alte bei einem der letzten Wolkenbrücke zerrissen bzw. weggeflogen ist. Werde wohl noch lange an dieses todtraurige, aber immer noch Würde ausstrahlende Komitee denken, das uns seine Lage erklärt und dann völlig verständnisvoll akzeptiert, dass wir ihnen auch nicht groß helfen können. Es ist zum Kotzen! Vor allem dieses junge Mädchen in seiner tadellos sauberen Schuluniform, das als Vertreterin der Kinder zu uns spricht, geht mir nicht mehr aus dem Kopf, weil es mich unwillkürlich an meine eigenen Töchter erinnert. Noch scheint es von Vergewaltigern verschont geblieben zu sein, aber das kann sich von einem auf den anderen Moment ändern.
Nur ein kleines Stück weiter – eigentlich hätten wir zu Fuß dahingehen können – das Hauptziel unserer Exkursion: Das „Maison d’Ecoute de Buganga“, hier besser bekannt unter der Bezeichnung „Mama Masika’s Association“, die Selbsthilfeeinrichtung einer entschlossenen paarundvierzig-jährigen Frau zugunsten vergewaltigter und daraufhin verstoßener Mädchen und Frauen. Bislang stehen hier lediglich zwei Holzbaracken, in denen Mama Masika die Frauen aufnimmt, um danach die jeweils entsprechenden Schritte zu unternehmen. Mit der FEPS-Einrichtung, die ich im vorigen Jahr in Butembo besucht habe, hat dieses hier leider noch nicht besonders viel zu tun: keinerlei medizinische Betreuung, keine Krankenbetten, ganz zu schweigen von chirurgischen Möglichkeiten, aber immerhin eine Anlaufstelle. Unser Plan ist es herauszufinden, ob und wenn ja wie wir Mama Masika helfen können. Sowas kann man nicht aus sicherer Entfernung, dafür muss man sich vor Ort ein Bild machen. Es ist unfassbar, aber selbst hier empfängt man uns mit Tanz und Gesang, wofür ich mich unmittelbar mit den beiden, in Pader und Kalongo bewährten Songs revanchiere. Danach ziehen wir uns in eine der zwei Hütten zum Gespräch zurück. Mama Masika erzählt uns ihre Lebensgeschichte, deren grausige Details ich hier nicht wiedergeben möchte. Nur soviel: Sie selbst wurde mehrfach vergewaltigt und musste zusehen, wie eine ganze Horde Hutu-Rebellen ihre Tochter vergewaltigte und ihren Mann tötete. Trotz schwerster Verletzungen hat sie überlebt und beschlossen, ihr Leben und ihre ganze Kraft ihren Leidensgenossinnen zu widmen. Mit ihren beschränkten finanziellen Möglichkeiten hat sie ein Stück Land taleinwärts von Buganga gekauft, das sie mit den verstoßenen Frauen bewirtschaften will. In den kommenden Tagen wird Steffen ein Konzept erarbeiten, nach dem wir hier vorgehen wollen. Stelle mir das nicht besonders leicht vor, aber eins ist mir jetzt schon klar, dass diese Frauen vor allem mehr Platz in unseren Medien brauchen. Das hier ist absolut nicht hinnehmbar, diese Menschen geraten jetzt schon seit Generationen immer wieder ohne eigene Schuld zwischen die Mühlsteine überregionaler, wenn nicht geopolitischer Interessen. Der Ostkongo ist reich an Bodenschätzen, die einige wenige steinreiche machen, solange sie unzertifiziert auf dem Weltmarkt landen. Die Korruption verhindert jegliche positive Entwicklung und die UN-Truppen, die eigentlich Blutvergießen verhindern sollen, schauen tatenlos zu. Reine Feigenblattfunktion, die Jungs aus Bangladesh, Pakistan und Südafrika sind in Wirklichkeit nur hier, weil sie ihrem eigenen Staat pro Kopf und Tag $ 500 bringen, die dieser mit fälligen UN-Beiträgen verrechnen kann. Anstatt gut ausgebildete Fachkräfte hierher zu schicken, belügt sich die Weltgemeinschaft in zynischer Form mit Alibi-Aktionen.
Auf dem Rückweg nach Goma noch ein Zwischenstopp in einem Food Security Projekt in einem Dorf namens Renga, aber das kann ich irgendwie überhaupt nicht richtig aufnehmen, dermaßen hart waren die Eindrücke im IDP-Camp und bei Mama Masika.

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