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Entebbe / Kampala / Pader

Mit zwei Taxis zum Kajjansi-Airfield am Stadtrand von Kampala, von wo aus uns eine winzige, einmotorige Maschine nach Pader fliegen soll. MAF heißt die Fluggesellschaft, was die Abkürzung für „Mission Aviation Fellowship“ ist. Sie ist darauf spezialisiert, u.a. Missionare überall dorthin zu fliegen, wo sie in Aktion treten wollen. Einzige Voraussetzung ist eine halbwegs taugliche Landepiste, alles andere liegt im Ermessen des dreifaltigen Gottes. Nach einigem Hin und Her bezüglich des Wetters und unseres Übergepäcks, das wir wohl oder übel drastisch reduzieren und bis zu unserer Rückkehr im Flugfeld-Gebäude lassen müssen, fliegen wir dann nach einem Gebet des Piloten leicht verspätet los. Unser Ziel ist das Pader-Airfield, nicht der „Flughafen“ von Gulu, was uns zwei bis drei Stunden Schlamm und Schotterpiste erspart. Zwei WorldVision Allrad-Toyotas erwarten uns bereits, transportieren uns zum erfreulich sauberen A-One Hotel, einchecken und direkt weiter zur Eröffnungszeremonie der mit Rebound-Geldern erbauten Mehrzweckhalle der „Pader Girls Academy“. Nachdem wir noch einmal – wie bereits im Februar des vergangenen Jahres – die Unterrichtsräume der Einrichtung besucht habe, soll die eigentliche Einweihung dann stattfinden, was angesichts der Fluten, die auf das Blechdach stürzen, allerdings erst mal in einer, nur mit sehr viel Humor auszuhaltenden Prozedur gerät. Es ist halt Regenzeit, da kann die Fachkraft an der wie immer heillos übersteuerten Verstärkeranlage machen was sie will, die Mikrofone schaffen es nicht, die Reden auch nur ansatzweise rüberzubringen. Eine filmreife Kakophonie, die aber alle Beteiligten mit erstaunlicher Gelassenheit über sich ergeben lassen. Die Menschen hier haben wirklich andere Probleme, so was erschüttert hier keinen. Dennoch kann ich es nicht lassen wenigstens dafür zu sorgen, dass die Verstärkeranlage abgeschaltet wird und somit schon mal die Rückkopplungsgeräusche entfallen – ein guter Plan! Bruchstücke von Dankesreden dringen ab jetzt durch und auch die Lieder und Tänze der Schülerinnen (wie bereits wiederholt erklärt, allesamt minderjährige unfreiwillige Mütter) kommen auch ohne technische Hilfe adäquat über die Rampe. Der Regen lässt nach, mein Redebeitrag wäre an der Reihe, aber da ich ja dazugelernt habe, verzichte ich auf salbungsvolle Worte, stimme, während Steffen erklärt was jetzt kommt, meine Gitarre und spiele dann der versammelten Schüler- und Lehrerschaft den Song vor, der letztendlich die Aufmerksamkeit und somit das Geld für diese Halle gebracht hat. „Noh Gulu“. Habe während meines – natürlich viel zu leisen – Vortrags Gottseidank gar keine Chance, großartig besinnlich zu werden, denn hinter den Stuhlreihen sehe ich eine Gruppe von Mädchen, die aufgestanden sind um zu den zu ihnen durchdringenden Musikfragmenten zu tanzen. Weiß der Teufel, wann der Regen wieder stärker wird, denke ich und kürze den Song so radikal es nur geht, um diese Mädels auf die Bühne zu holen und mit ihnen gemeinsam Bob Marleys „Redemption Song“ zu zelebrieren. Nach kurzem Zögern treffen sie bei mir ein und wir legen los, als hätten wir das schon tausendmal zusammen aufgeführt. Das, was die Mädels da tanzen, sieht choreografisch einwandfrei aus, das Publikum klatscht im Takt und singt den Refrain mit, die Party ist eröffnet. Hoffe nur, dass wir diesen Teil der Veranstaltung in ordentlicher Qualität im Kasten haben. Wäre ein absolutes Highlight für den Film. „Für `ne Moment“ als Zugabe und dann erst die eigentliche Eröffnungszeremonie mit Durchschneiden eines Bandes und Pflanzen eines Baumes, was vorher aus Regengründen definitiv nicht stattfinden konnte. Die überglückliche Schulleiterein in ihrem rosa Strickkleid schenkt mir eine Urkunde und ein mit dem Schullogo der „Pader Girls Academy“ bedrucktes weißes Polohemd, welches ich meinen Töchtern schenken werde. Spätestens jetzt werde ich dann doch besinnlich, weil ich wieder daran denken muss, wie das alles hier in Nord-Uganda vor sechs Jahren für mich angefangen hat und wie hoffnungslos die Situation der Kinder hier war, bevor 2006 mit dem Beginn der Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Lords Resistance Army so was wie eine Erleichterung eintrat. Ich muss wieder an die beiden 15- und 16-jährigen, am Tag zuvor aus dem Busch zurückgekommenen Mädchen denken, die Michael Oruni mir vorstellte. Beide mit HIV-infizierten Babies, völlig apathisch und in einem Ausmaß geschunden wie ich es damals noch nicht für möglich hielt, und mir fällt das kleine Mädchen im Nachtpendlerzelt wieder ein, das den mittlerweile x-mal zitierten Satz „Please Mister, promise not to forget“ sagte. Versprochen ist versprochen! Sechs Jahre später stehe ich hier und weihe die größte Mehrzweckhalle Nordugandas ein, erbaut mit den Spenden unserer Fans. Lars Frage, wie ich mich jetzt fühle, was ich in diesem Moment empfinde, kann ich gar nicht richtig beantworten. Stolz ist es irgendwie nicht, eher eine Art Glücksgefühl vermischt mit Dankbarkeit an die, die so großartig mitgezogen haben. Allerdings dann auch direkt wieder: Jetzt bloß nicht euphorisch werden, denn das im Ostkongo zu bohrende Brett wird ein extrem dickes sein!!

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