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Arta, Mallorca

Sonntag 26.7. bis Freitag 31.09

Nach einer kurzen Nacht in Coburg (von dem ich leider gar nichts zu sehen bekommen habe) fährt mich Didi um 8:30 Uhr zum Nürnberger Flughafen, von wo aus ich gegen Mittag per Air-Berlin-Touri-Bomber meinen Mädels nach fliege. Zu meinem Erstaunen wird immer noch nach gelungener Landung geklatscht und auf den kilometerlangen Laufbändern des La Palma-Airports rechts UND links gestanden. Da es auf Dauer ermüdend wird, sich freundlich mit Gitarrenkoffer und Umhängetasche den Weg durch die dicht stehenden Menschenmassen zu bahnen, gerät meine erste halbe Stunde Malle notgedrungen zum Wandertag. Das war dann aber auch schon alles, was nervte, der Rest verlässt plangemäß. Die Finca in der Nähe von Arta, die uns Bekannte zur Verfügung stellen, liegt optimal, hier wird man mich nur rauskriegen, wenn es unbedingt sein muss. Ansonsten wird abgehangen und gelesen.

Nach den beiden Böll-Romanen aus meinem Geburtsjahr („Der Engel schwieg“, „Wo warst du, Adam?“), die ich schon seit längerem noch mal lesen wollte, nehme ich mir Edward P.Jones’ Roman „Die bekannte Welt“ noch mal vor, den mir Wolfgang Stockmann geschenkt hatte, als ich mit ihm in Sachen Chronicles-Lesung in Hamburg im Studio war. War damals beim ersten Leseversuch gescheitert, mir aber sicher, dass ich ihm eine zweite Chance geben würde. Seitdem harrte er auf dem Chippendale –Desch seines weiteren Schicksals. Auch diesmal dauerte es eine Zeit, bis ich richtig drin war, aber ab da fiel es richtig schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Das schlanke Suhrkamp-Bändchen hingegen, das mir Christian Mückl in Tambach quasi als Reiseproviant mit auf den Weg gegeben hat, lese ich dann als Nachspeise. Stimmt: Andrej Stasiuks „Dojczland“ ist eine Art „Rääts un links vum Bahndamm“ in Buchform, das mich aber vor allem an meine „Immer weiter“-Lesereise erinnert und insofern irgendwie auch was mit diesem Tour-Logbuch zu tun hat. Ich denke, wenn ich hier nicht chronologisch vorzugehen hätte, käme dabei etwas ähnliches wie beim polnischen Kollegen dabei heraus.
Auch sehr empfehlenswert Louis P. Masurs Buch über Bruce Springsteens Jahrhundertalbum „Born to run“, das ich mit großem Vergnügen lese, nicht zuletzt weil es mich immer wieder an die Patagonien-Reise mit Manfred erinnert, bei der wir ausschließlich Springsteen-Alben im Gepäck hatten. „Diego Paz“ und „Frankie un er“ sind wohl nicht zuletzt auch deshalb so geworden, wie man sie auf „Radio Pandora“ hören kann. Ein Trauerspiel, das man dermaßen wenige von den jeweils neuen Songs im Tourprogramm verankern kann, ganz zu schweigen von den älteren Stücken aus der zweiten Reihe.
Tatsache ist – fällt mir gerade ein – dass „Born to run“ das Album wäre, auf das ich zurückgreifen würde, wenn mir nur ein einziges zur Verfügung stünde um einem Wesen aus einer anderen Galaxie zu erklären, was Rock’n’Roll ist. Im Bücherregal der Finca finde ich das „Buch zum Film“ von Steven Spielbergs „Der Soldat Ryan“ den ich damals (kneifend) verpasst hatte, weil die von Cineasten hochgelobte erste halbe Stunde aus extrem realistischem Invasionsgemetzel bestehen soll. Nach unserem Oster-Trip in die Bretagne und die Normandie (inclusive Omaha-Beach), hatte ich mir eigentlich vorgenommen, mir den Film endlich doch mal anzutun, das aber schließlich dann irgendwie vergessen. Lese jetzt also schon mal für alle Fälle diesen Schmöker zum Film, allerdings nicht, ohne mich alle paar Seiten zu fragen, was ich da um Himmels Willen tue, denn geschrieben ist das Ding im Stil alter Landser-Romane und hat so gar nichts mit dem eben noch gelesenen Böll Frühwerk „Wo warst du Adam?“ zu tun, obwohl der Film ja eindeutig zu den gelungenen Anti-Kriegsfilmen gezählt werden darf.

Der ETA-Anschlag am Donnerstag, bei dem in einem Vorort von Palma zwei Guardia-Civil Polizisten ums Leben gekommen sind, führt zu einer vorläufigen Totalsperre von Flughafen und sämtlichen Seehäfen, was mir kurzfristig Sorge bereitet, schließlich spielen wir am Samstag in Trier. Was im übrigen eine Separatistenbewegung im immer mehr zusammen wachsenden Europa (im Zeitalter der Globalisierung) noch zu suchen hat, ist vermutlich nicht nur für mich ein Rätsel. Denn wie man liest, hat die ETA selbst in ihren baskischen Hochburgen längst keinen Rückhalt mehr.

Freitag Abend beginnt in Arta die einwöchige Siesta, zu deren martialischen Auftakt ab 22 Uhr drei pyromanische, feuerspuckende Teufel durch die Gassen der Altstadt ziehen. Ein pyrotechnischer Exzess, der jedem deutschen TÜV-Beamten wohl die Haare zu Berge stehen lassen würde, für die einheimische Bevölkerung jedoch anscheinend so normal ist, wie für den Kölner die Nubbelverbrennung in der Nacht zum Aschermittwoch. „Sympathy für the Devil“ mal ganz anders.

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