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Überlingen – Off Day

Selten habe ich mich so auf einen freien Tag gefreut, wie nach dieser Rutsche. Nicht, dass es keinen Spaß mehr machen würde, aber zehn Shows back.to-back zerren dann doch am Konditionskostüm. Aber untätig rum liegen ist auch heute nicht. Um 11 Uhr sind die, die Lust dazu haben, von der ehemaligen Bürgermeisterin von Meersburg, Sabine Becker, (einer Exil-Kölnerin, die uns nach Meersburg geholt hatte, aber inzwischen Oberbürgermeisterin von Überlingen ist) zu einer Segel- bzw. Motorboot-Partie auf dem Bodensee eingeladen. Reichlich Zuspruch, vor allem seitens der Crew, von der real musizierenden Abteilung können sich nur Anne, Micha und ich aufraffen. Eine gute Entscheidung, obwohl das Wetter nicht gerade zum Bade einlädt. Mittagessen im Konstanzer Hafen und Retour.

Kleine Verschnaufpause und dann mit Oliver, der gestern zu uns gestoßen ist, auf einen Stadtbummel, wo wir eigentlich noch mit der Bürgermeisterin verabredet sind, aber aufgrund mangelnder Absprache („…der Wolfgang weiß, wo wir uns treffen“) nicht mehr zueinander finden. Oliver hat einen wunderschönen Text zu „Novembermorje“ mitgebracht, den er anlässlich der Eröffnung der Buthe-Ausstellung im Arp-Museum Rolandseck am 27.August geschrieben hat. Wie es aussieht, werde ich den Song da mit Anne spielen.

„Kunst ist ein Sprechen mit der Seele“ – Zu Wolfgang Niedeckens
„Novembermorje“

Colored cottons hang in the air
Charming cobras in the square
Striped djellabas we can wear at home
Well, let me hear ya now

– Graham Nash

„Die Störche sind die direkte Linie zwischen Marrakesch und Köln“. 1970 arbeitete Michael Buthe für einige Monate in einer traditionellen marokkanischen Stofffärberei. Ein Neuanfang, auch für seine Kunst, die, zuvor noch der Arte Povera verpflichtet, sich der Vielfalt der Farben öffnete, neue Themen fand in den Mythen des Orients. Später verlegte Buthe seinen Zweitwohnsitz nach Marrakesch. Keine große Umstellung für einen, dem Köln schon immer die „südlichste Stadt in Deutschland“ gewesen war, und, umgekehrt, auch im Neuen Spuren des Vertrauten fand: „Die ganzen jecken Typen da unten. Genau wie die Kölner auch. Leicht daneben. Marrakesch, das Köln der Nordafrikaner.“
In Wolfgang Niedeckens Text „Paar Daach fröher“ (1993) sieht jemand an einem Abend, bevor der Winter kommt, den Schwalben nach auf ihrem Weg Richtung Nordafrika. Andere BAP-Songs verschicken Tagebuchbriefe aus Marokko, sagen: Ich wünschte, du wärst hier und könntest das alles selbst sehen, was ich gerade erlebe; erzählen von der wie eine Verheißung erscheinenden Überfahrt nach Tanger oder möchten den Moment anhalten mit Bob Dylans „Every Grain of Sand“ auf einem Dach in Taroudannt. Das konkrete Reiseziel Marokko verwandelt sich in einen mit persönlichen Erwartungen und Erinnerungen, mit subjektiver Energie aufgeladenen Ort jenseits des Alltags, wird „Marokko“: Traumvorstellung, Ort des Atemholens, imaginierte Chance des Neubeginns.
Um die Möglichkeit, im Winter dort arbeiten zu können, habe er Buthe immer beneidet, sagt Niedecken, dessen Marokko-Lieder so indirekt auch Buthes Bilderwelten eingedenk bleiben, Gruß sind an den fernen Maler-Kollegen oder, nach Buthes Tod, Erinnerung an einen Freund.
Eine Freundschaft, die Ende der achtziger Jahre ihren Anfang nahm, als sich Niedecken für Dietmar Schönherrs Nicaragua-Projekt „Das Haus der drei Welten“ engagierte. Buthe erfuhr davon, bat Niedecken bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Primavera Pompeijana“ im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart ein paar Songs zu spielen, und lobte als Gage ein großes Gemälde aus, das anschließend zugunsten des Hilfsprojekts versteigert wurde. Ein bildender Künstler, der als Musiker Millionen von Platten verkauft hatte, traf einen anderen, der sich ebenfalls nicht um traditionelle Grenzziehungen innerhalb der Kunst kümmerte, dem Bilder zu Collagen, zu Skulpturen, zu Installationen gerieten und der 1977 in René Bölls Kölner Lamuv-Verlag (in dem Niedecken mit BAP einige Jahre darauf das Buch „BAP övver BAP“ realisierte) die literarische „Reisebeschreibung des Saladin Ben Ismail in das Reich des Ägypters Ismael Pascha“ veröffentlichte.
In einem anderen Text Buthes, dem Märchen „Hommage an einen Prinzen aus Samarkant“, rettet die „Passion zur Poesie“ ein Leben in Gefangenschaft vor der Sinnlosigkeit, gewährleistet eine (zumindest gedankliche) Verbundenheit mit den Dingen, der Natur, den fernen Gefährten: „Nur in Briefen, Gedichten und Geschichten, diesen wunderbaren Paradiesgärten seiner Träume, war die Gegenwart des Glücks“. Niedeckens Nachruf auf Michael Buthe, der Song „Novembermorje“ von der BAP-LP „Amerika“ (1996), macht sich die Fähigkeit der Poesie zunutze, das Entschwindende zu vergegenwärtigen, das Auseinanderstrebende zusammenzudenken, sich des Unerreichbaren zu vergewissern.

Dabei greift Niedecken, das macht die Raffinesse des Songs aus, zurück auf Verfahren aus Buthes bildkünstlerischer Arbeit. Der Text collagiert Lebensspuren, Reflexionen, Bildtitel, Lieder, Snapshots und Traumfetzen zu einem intensiven und prinzipiell unabschließbaren Erlebniswirbel. Ein additives Vorgehen, das es ermöglicht, einerseits in der Zeit zu springen, andererseits Simultaneität herzustellen, Ereignisse ineinanderzublenden. Auf diese Weise erhält das ‚flache‘, eindimensionale öffentliche Buthe-Bild (der Exzentriker aus dem Morgenland; der dem Alltag entrückte Selbstdarsteller) eine Tiefendimension, wird das Image durchgestrichen, erweitert, schließlich zurückgelassen. Wie Buthe es in seinen Arbeiten durch Umwickeln, Überkleben, Übermalen, Zerreißen und Zusammennähen praktiziert hat, so stellt auch Niedeckens Text Mehrschichtigkeit her, Korrespondenzen zwischen dem Weitauseinanderliegenden, und führt das Gespräch über die Abgründe von Raum und Zeit hinweg.

Lagen Niedeckens künstlerische Anfänge im Fotorealismus (der in Deutschland 1972 auf jener documenta 5 zum ersten Mal einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt wurde, auf der sich auch Michael Buthe in der Abteilung „Individuelle Mythologien“ präsentierte) und in der Konzeptkunst, wird seit Mitte der achtziger Jahre die zuvor konsequent aufrechterhaltene Beschränkung auf die Malerei zugunsten eines erweiterten Materialbegriffs aufgegeben. Niedeckens Kunst versteht sich, darin Buthes Arbeiten durchaus vergleichbar, als eine Art von Spurensicherung, die durch Sammeln dem unablässigen Vergehen von Zeit materialgesättigtes Erinnern entgegensetzt. Gedächtniskunst – ähnlich dem berühmten, von Buthe mehrmals ausgestellten Schrank, der Souvenirs, Fundstücke, Fetische, Schätze, Alltagsgegenstände, Kostbares, Wertloses, Triviales und Geheimnisvolles archiviert und der als Gedächtnisallegorie betrachtet werden kann.
Doch während in einem Schrank den Dingen ein bestimmter Platz zugewiesen ist, weil ihrer Anordnung mnemotechnische Bedeutung zukommt, summiert „Novembermorje“ die Einzelheiten und bringt sie in Bewegung. Das Rotieren der Sterne, das Radschlagen des Pfaus, das Kaleidoskop, der Tanz der Derwische – der Song kommentiert sein eigenes Prinzip. Wie im Kaleidoskop setzen sich die Details zu immer neuen (Sprach-) Bildern zusammen, erscheinen in jeweils verändertem Licht.
Der Hörer begegnet einerseits Arbeitsmaterialien und -techniken Buthes (Silberpapier, Goldlaméfahnen, Scherenschnitte, bestimmte Farbgestaltungen) und konkreten Werken und Werkgruppen (etwa der „Hommage an die Sonne“, dem in Florenz entstandenen „Ikarus“-Silhouettenbild, dem erstmals zu Beginn der achtziger Jahre im Essener Folkwang-Museum gezeigten „Tausendundeine Nacht“-Zyklus oder dem „Samarkant“-Märchen), andererseits aber auch vielen persönlich gefärbten Erinnerungsfragmenten. Niedeckens Song stellt Buthes „individuelle Mythologie“ nach und errichtet selbst schon wieder einen „geistigen Raum, in dem ein Einzelner jene Zeichen und Signale setzt, die ihm seine Welt bedeuten“. Er stellt der Unordnung der Welt und dem Skandalon des Todes seine eigene Ordnung gegenüber, die eine der Vielfalt und der Unausdeutbarkeit ist.
Kunst und Leben fallen dabei ununterscheidbar in eins. „Novembermorje“ erzählt von einem „gelebten l’art pour l’art“, dem alles Anregung und Arbeitsmaterial werden konnte: „Es gibt überhaupt keine Kunst, es gibt nur Leben. Und das ist einzig und allein alles. Nichts anderes. Man muss die Augen aufmachen und einfach gucken, was los ist. Die Intensität ist wichtig, das Leben.“ Mit solchen Sätzen wiederholte Buthe beinahe wörtlich das poetologische Credo seines Freundes, des Dichters Rolf Dieter Brinkmann, mit dem er 1969 bei einem „Teach-in“ an der Kölner Universität trotz der Anfeindungen von links alle Forderungen nach einer politischen Vereinnahmung von Kunst zurückwies und auf der Wichtigkeit individuellen Sprechens, genauer Wahrnehmung und auch persönlicher Obsessionen beharrte: „Nur die Spinner garantieren der Kunst und dem Kreis der Angesprochenen Intensität, die Lebensfähigkeit des künstlerischen Ausdrucks“ (Harald Szeemann).
Buthes Arbeiten sind Gegenbilder zur auf Zweckrationalität, Fortschritt und Nüchternheit ausgerichteten Wirklichkeit. Statt Effizienz: Verschwendung, Ekstase, Rausch, eine überbordende Phantasie. Auch daran und an die damit verbundenen Gefährdungen erinnert „Novembermorje“. Daran, dass es möglich sein kann, sich verzehrender Held zu sein („We could steal time / Just for one day“), aber auch, wie es ist, der Sonne zu nah zu kommen. Niedeckens Song grenzt den Tod nicht aus, denkt ihn mit, wenn die Werke Buthes konfrontiert werden mit dem Verlöschen, Versiegen, Verstummen. Wenn sich die Sonne verfinstert, Ikarus abstürzt, das lebensbejahende Rot zum Todessignal wird und man aus tausendundeiner Nacht in einen Tag erwacht, an dem die Kunstwelt ein Stück grauer geworden ist.
Doch die Kraft der Bilder, farbenfroher, sich aus Märchen, Phantasie und Mythen speisender Einspruch zu sein gegen die Zurichtungen des Individuums, dauert unvermindert fort. Niedecken zitiert Buthes Auffassung vom Lebenskunstwerk: „Kunst ist ein Sprechen mit der Seele“ – „Jed klei Bild vun ihm ess e’ Stöck vun singer Seel“. Und so kann das verschüttete Pompeji eben immer wieder einen Frühling erleben, der Magier, Michel de la Sainte Beauté, weiter lachen. Und dann verliert auch jener Novembermorgen, an dem der erste Schnee fällt, etwas von seiner Kälte und seiner Trostlosigkeit: „Die Wetterwarte meldete 20 Grad minus, doch wir versuchten einfach die Kälte für Wärme zu nehmen, und in dem Augenblick des absoluten Glaubens waren wir umringt von Rosen, Veilchen, den schönsten Nelken und Orchideen“.

Oliver Kobold

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