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ROLL WITH THE PUNGES

Noch 3x schlafen, dann erscheint die DYLANREISE auf Tonträger.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es noch nicht alle wissen, wie es dazu kam,

hier vorab schon mal mein Booklet-Text. Morgen dann die warmen Worte zu den einzelnen Songs.

DIE DYLANREISE

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Als wir am 16.August 2019 den vorerst letzten BAP-Gig auf dem Bonner Kunst!Rasen spielten, dachte man bei Corona noch ausschließlich an eine mexikanische Biermarke. Inzwischen wissen wir mehr. Damals schien es mir unerträglich lange, bis wir endlich wieder auf Tour gehen würden. Das Datum des ersten Gigs stand längst fest: Der 30.März 2021, mein 70ster Geburtstag. Den würden wir in der Kölnarena so ähnlich feiern, wie vor zehn Jahren meinen 60sten auf der MS-Rheinenergie. Zwischenzeitlich wollten wir das ALLES FLIESST-Album aufnehmen und am 40sten Todestag meines Vaters, dem 18.September mit einem Konzert im Kölner Sartory veröffentlichen. Ein guter Plan, bis uns irgendwann schwante, dass Corona uns einen ordentlichen Strich durch die Rechnung machen könnte. Und so kam es dann leider auch. Am 22.März 2020 trat der erste Lockdown in Kraft und zehn Monate später der zweite. 

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Und so ergab es sich, dass ich in dieser Zeit endlich das Dylan-Buch für die KiWi- Musikbibliothek-Reihe schreiben konnte. Helge Malchow vom Kiepenheuer&Witsch Verlag hatte ich bis dahin immer wieder vertrösten müssen. Schließlich hatte ich mit BAP die ganze Zeit über alle Hände voll zu tun. „Egal“ sagte er, „lass dir Zeit, Hauptsache du schreibst es irgendwann.“ Keine Ahnung wann ich ohne die Corona-Zwangspause dazu gekommen wäre, mich in aller Ruhe hinzusetzen, um ein Buch über den Kollegen zu schreiben, ohne dessen Einfluss ich wohl niemals auf die Idee gekommen wäre, mich mit Lyrik zu beschäftigen. Aber so war die Gelegenheit ausgesprochen günstig. Weit und breit kein einzuhaltender Termin und vom Wetter her ein fantastischer Sommer. Ideale Bedingungen für relaxtes Arbeiten. Und als ich dann auch noch die Idee für meinen roten Faden hatte, war eigentlich alles klar.

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Mein Buch sollte in erster Linie von der Reise auf Bob Dylans Spuren handeln, die wir, meine Frau und ich, im Herbst 2017 mit einem kleinen, flexiblen Filmteam im Auftrag des TV-Senders ARTE kreuz und quer durch die USA unternommen hatten. Von Washington über New York City nach Woodstock, über Boston nach Minnesota, wo Dylan in Duluth, am Lake Superior, geboren wurde. Die sterbende Eisenerz-Stadt Hibbing an der kanadischen Grenze, wo er aufwuchs und seine ersten musikalischen Erfahrungen machte, haben wir besucht und sind dann in 12000 Metern Flughöhe entlang dem Highway 61 und dem parallel fließendem Mississippi runter nach New Orleans geflogen. Danach noch einmal quer über die USA, von der Ost- zur West-Küste, nach San Francisco, und später mit einem Van nach Los Angeles und San Diego an der mexikanischen Grenze. Überall trafen wir Menschen, die mit ihm zu tun hatten und besuchten viele Originalschauplätze, an denen entscheidende Dinge passiert sind. An geeigneten Stellen dieser Reise würde ich Rückblenden auf meine eigene Biografie einflechten. Natürlich nur dann, wenn sich auch tatsächlich ein Dylan- Bezug anböte. Hierbei kamen mir die Spielregeln für die Musikbibliothek-Reihe sehr entgegen, denn es war keine objektive Wissenschaft gefragt, sondern subjektives Storytelling.

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Mit der ersten Rohfassung war ich Anfang November `20 durch. Zu dem Zeitpunkt waren wir uns eigentlich noch relativ sicher, dass wir meinen 70sten Geburtstag, wie geplant, in der Kölnarena feiern könnten. Inzwischen wackelt sogar der um ein Jahr verschobene Termin und unsere Pläne für 2022 insgesamt. Planungssicherheit wird es wohl so schnell nicht geben, das mussten wir wohl oder übel einsehen.

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Das Buch erschien am 4.März 2021, als sämtliche Tourpläne für BAP bereits in der Tonne gelandet waren. Wie es der Zufall wollte, meldeten sich ungefähr zeitgleich die Organisatoren des Hamburger Harbour Front Literaturfestivals mit der Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, in der Elbphilharmonie Mitte September unter Corona-Bedingungen einen Abend zum Thema Bob Dylan zu gestalten, der im Mai seinen 80sten Geburtstag feiern würde. Klar doch, zumal mit meiner Band bis auf weiteres ja nichts anstand. Das Naheliegendste wäre gewesen, mich von einem Moderator zum Thema befragen zu lassen, ein paar Passagen aus meinem Buch vorzulesen und dazu passende Songs zu spielen. Aber irgendwie hatte ich dazu wenig Lust, denn etwas Ähnliches hatte ich seinerzeit schon zu Dylans Autobiografie  gemacht. Damals hatte ich die Ehre, die deutsche Hörbuch-Fassung von „Chronicles“ einzulesen. Aber wie wäre es denn, wenn ich einen weiteren Musiker hinzuziehen würde, um mit ihm ein Programm zu entwickeln, das musikalisch etwas mehr zu bieten hätte? Also rief ich kurz entschlossen meinen alten Freund Mike Herting an, der unter anderem 2004 das WDR BIGBAND Album „NIEDECKENKOELN“ arrangiert und dirigiert hatte und fragte ihn, ob er sich so etwas vorstellen könnte. Noch in der selben Woche trafen wir uns, um ein paar in Frage kommende Songs anzutesten. Nachdem das optimal gelaufen war, konnte ich mich an die Auswahl der Textpassagen machen. Die Schwierigkeit hierbei war ausschließlich das Weglassen. Denn da ich vorhatte, alle Stationen unserer Dylanreise zu berücksichtigen, war es gar nicht so einfach, sämtlichen Schauplätzen gerecht zu werden. In New York ist nun mal mehr in Dylans Karriere (und in meinem eigenen Leben) passiert als beispielweise in San Francisco. Außerdem sollte man beim Zusammenstellen eines Reiseberichts tunlichst darauf achten, nicht allzu sehr vom Kurs abzuweichen.

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Als die zu lesenden Passagen feststanden, haben wir uns einmal pro Woche in Mikes Studio getroffen, um die dazu ausgewählten Songs zu spielen. Nach und nach fanden die Lieder auf diese Weise spielerisch, fast wie von selbst ihre Arrangements. Je mehr wir uns allerdings mit dem Programm befassten, desto fragwürdiger kam es uns vor, damit nur einen einzigen Gig zu spielen, zumal wir ja den ganzen Sommer über Zeit hatten und abzusehen war, dass eine Konzertreise „im Auftrag des Herrn“ enorm viel Spaß machen würde. Also rief ich Mathias Schaettgen, unseren Tourveranstalter, an und fragte ihn, ob er es sich zutraute, auf die Schnelle ein paar Gigs klarzumachen, die wir mit Minimal-Besteck und selbstredend unter Corona-Bedingungen spielen könnten. Kein Problem. Schon bald hatte er für den Sommer 30 Gigs zusammentelefoniert. Alle – bis auf die Schweizer Konzerte- im Freien. 

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Das erste Konzert vor Publikum fand drei Tage nach der Flutnacht in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern, am 18.Juli im oberfränkischen Kulmbach auf der Plessenburg statt. Vorher hatten wir lediglich ein Konzert vor leeren Rängen im großen Sendesaal des WDR aufgezeichnet, das ursprünglich mit Publikum stattfinden sollte. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, nach fast zwei Jahren endlich wieder von einer Bühne aus für physisch anwesende Menschen zu spielen. Dabei war es uns übrigens völlig egal, wie viele Leute anwesend waren, wie weit sie auseinandersitzen mussten und um welches Corona-Konzept es sich handelte. Diese Tour hatte auch etwas von einem Kurs in Demut. Ich wurde tagtäglich daran erinnert, was für ein Privileg es war, all die Jahre auf Tournee gehen zu dürfen und zu erleben, wie die Emotionen hin und her fliegen. Die Kommunikation zwischen Publikum und Künstler ist einfach essenziell wichtig für unseren Job. Sie ist durch nichts zu ersetzen.

Es waren zwei äußerst intensive Sommermonate, die wir zu viert (plus Numa!) in zwei voll beladenen Kombis unterwegs waren. Den einen fuhr unser Tontechniker Achim Schnall und den anderen meine Frau, die sich obendrein noch um sämtliche Formalitäten vor Ort zu kümmern hatte. Unter anderem auch um die variable Hängung des Backdrops der BAP Live & deutlich-Tour, sowie die fotografische Dokumentation unserer aktuellen Reise.  „Muttitasking“ nennen wir das bei uns zuhause. So anstrengend die Tour auch war, wir haben jeden einzelnen Gig ausgekostet, ab und zu sogar neue Songs ins Programm aufgenommen und uns diebisch darüber gefreut, dass wir trotz spartanischer Ausrüstung überall mit stehenden Ovationen verabschiedet wurden. Weniger kann tatsächlich mehr sein. Erstaunlicherweise hatten wir nach all den Sommerkonzerten nicht annähernd das Gefühl, dass wir schon genug gespielt hätten. Und somit kamen dann im November und Dezember noch einmal siebzehn Gigs dazu. Diesmal allerdings indoor.

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Je näher wir dem Tourende in der Eisenbahnstadt Bebra kamen (die drei Gigs in Baden-Württemberg mussten wir,  coronabedingt aufs nächste Jahr verschieben) desto mehr häuften sich die Bitten aus der BAP-Gemeinde, doch unsere Dylanreise irgendwie auf Tonträger zu bannen. Hoppla, ein Deja-Vu! Ich fühlte mich an die Phase vor unserem Live&deutlich-Album erinnert, das eigentlich überhaupt nicht vorgesehen war und sich dann sogar zu einem Nr.1 Album entwickelte. Aber leider hatte unser Schnalli, weil wir diesmal ja mit Minimalequipement unterwegs waren, nirgendwo die Möglichkeit, einen vorzeigbaren Live-Mitschnitt aufzunehmen. Das war natürlich schade, denn den hätten wir nur noch schneiden und abmischen müssen. Aber so blieb uns eigentlich nichts anderes übrig, als nach der Tour nochmal ins Studio zu gehen und unser Programm ohne Publikum aufzunehmen. Zunächst hatten wir noch die Hoffnung, wenigstens ein paar Freunde ins Studio einladen zu können, aber dank der Omikron-Variante war selbst das nicht mehr machbar.

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Und so sind wir dann am letzten Tag des Jahres zweifach geimpft, geboostert und getestet ins Kölner Riverside Studio gegangen und haben unter acht Augen (plus Studiopersonal) dieses Album aufgenommen. Nach fünfundvierzig tatsächlich gespielten Shows hat uns das vor keine größeren Probleme gestellt, auch wenn es selbstredend schöner gewesen wäre, von geneigten Menschen, die eine oder andere Reaktion zu erhalten. Ein Live-Konzert zu faken, kam für uns nicht in Frage. Weshalb dann auch kleine Albernheiten, wie meine beiden bayrischen Vierzeiler in „Goin`Nowhere“ und manches, was ich zwischendurch aus der Hüfte eingeschoben hatte, entfallen mussten. Egal.

Wie es in diesem Jahr weitergeht, steht zum jetzigen Zeitpunkt mal wieder in den Sternen. Wir werden halt flexibel bleiben und uns nicht unterkriegen lassen. 

„Roll with the punches!“ hieß es. Tief durchatmen und locker bleiben.

Fortsetzung folgt, irgendwie…

                                               W.Niedecken

                                               Januar 2022

PS: Falls sich einer fragt, was es mit dieser merkwürdigen Brosche an meinem Hut auf sich hat, die hab ich während den Dreharbeiten im Greenwich Village einer alten Lady abgekauft. Sie stand mit ihrem Bauchladen an einer Straßenecke, wir kamen vorbei, mein Blick fiel auf dieses elfenartige Fabelwesen mit der Tulpe und ich wusste unmittelbar, dass ich ihr dieses Teil abkaufen würde. Weil wir aber allerdings sehr in Eile waren, habe ich versäumt sie zu fragen, ob es eine Geschichte zu der Brosche gäbe und ob die Chimäre womöglich einen Namen hätte. Schade.

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