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Mittwoch, 15. Oktober 2014 – Dessau / „zdf@bauhaus“ (TV)

Manch einer wird sich fragen, warum Tina und ich nach der „Goldenen Henne“ nicht einfach im Osten der Republik geblieben sind und uns auf diese Weise elend-lange Zugfahrten erspart hätten. Gute Frage! Jedenfalls freuen wir uns alle tierisch darüber, im ehrwürdigen Bauhaus nochmal wenigstens eine Methadon-Variante von unserem Märchen spielen zu dürfen. Die Band und die Crew für diesen Gig, sechs Wochen nach Tourabschluss, nochmal (inklusive des Märchen-Equipments) zusammen zu kriegen, hat zwar etwas Hannibal-über-die-Alpen-mäßiges, aber da man ja niemanden zum Jagen tragen musste, fällt das überhaupt nicht ins Gewicht. Der einzige Wermutstropfen ist der, dass Rhani sich mit Dominic Miller irgendwo in der Weltgeschichte rumtreibt. Aber für ihn springt Sönke Reich ein weiteres Mal ein, der sich mit Micha überlegt hat, wie er sowohl Schlagzeug als auch Percussion spielen kann, denn Jürgen steht ja nun mal nicht mehr zur Verfügung. Also galt es, aus der Not eine Tugend zu machen und das ist den Herren, wenn ich schon mal vorgreifen darf, formidabel gelungen. Die meisten sind aus den verschiedensten Himmelsrichtungen angereist, wo sie gerade mit anderen Produktionen unterwegs waren: Ulle aus Nürnberg (Roger Cicero), Sönke mit dem ersten Flieger aus Köln, wo er noch gestern mit Sway Clarke II gespielt hat, Anne mit ihrem gesamten Geraffel aus Hamburg. Werner mit seiner eher sperrigen „Oma“ und dem Equipment, dass vorübergehend bei mir eingelagert war, nimmt den Weg gemeinsam mit dem Fisch im Sprinter auf sich und Micha, der heute als Berliner mal den kürzesten Weg hat, spielt morgen schon wieder mit der Seilschaft. Auch die Crew kommt von Gottweisswoher, aber das auch noch auflisten, würde dann doch den Rahmen sprengen. So sitzen wir also am Vorabend schön zusammen in der Hotelbar und gucken uns das Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Irland an. Leider endet dieses Spiel dann doch nicht wie bestellt, aber auch das kann unsere Vorfreude nicht im Geringsten trüben. Am Konzerttag selbst wird uns dann sogar noch die Ehre einer Sonderführung durch das Bauhaus und die sogenannten „Meisterhäuser“ zuteil. Schon imponierend, wie diese Pioniere um Walter Gropius hier in Dessau vor fast hundert Jahren die Architektur und das Design revolutioniert haben. Umso betrüblicher, dass sich die Nazis die Stadt dann später auserkoren haben, um ihre faschistische Architektur Stilblüten treiben zu lassen. Mittags beim Soundcheck haben wir die Möglichkeit, unser eingedampftes Methadon-Programm durchzuspielen und gegebenenfalls noch umzustellen. Alles klappt hervorragend. Ein Hoch auf die Flexibilität!!! Auch, wenn das mit dem „Musiker-Pool“ beim einen oder anderen Fan in den falschen Hals geraten zu sein mag: Wir fühlen uns alle sehr wohl damit, unter diesen Voraussetzungen ein weiteres ‘Kapitel BAP‘ zu schreiben und können es kaum abwarten, bis wir erneut zusammenkommen um Ideen auszutauschen, die dann zum nächsten Album führen. Und was das innerbändliche Gefühl betrifft, so kann ich wirklich alle beruhigen: Seit den „aff un zo“-Sessions auf Mallorca (unserer „Hochzeitsreise“) haben wir uns nicht mehr dermaßen gut gefühlt wie in dieser Märchen-Phase. Ich denke, dass wir dieses Feeling auch bei sämtlichen Gigs der Tour über die Rampe gebracht haben. Erfreulicherweise haben wir uns in dieser flexiblen Konstellation neu erfunden und wieder ein Gefühl dafür bekommen, wo es mit der Band langgehen könnte.

Nach dem Gig schauen wir uns noch gemeinsam die Aufzeichnung an, um zu entscheiden, welche drei Songs aus Zeitgründen notgedrungen rausfliegen sollen. Ein Luxusproblem, denn restlos alles wäre sendefähig gewesen. Das ZDF@Bauhaus-Team hat in der Tat Großes geleistet. Fantastische Bilder, organische Überblendungen, atemberaubende Fahrten und Schwenks und natürlich besonders wichtig: Der gute Ton. Wer weiß, vielleicht kann man aus diesem Material ja doch noch eine DVD zusammenstellen. Könnte mir vorstellen, dass es dafür Interessenten geben würde. Was übrigens auch sehr schön war, nochmal einige der allertreuesten Fans im Publikum zu sehen, von denen wir viele schon seit Jahrzehnten kennen und mit denen uns viel mehr verbindet als sie vielleicht vermuten.