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Samstag, 27.September 2014 – Lahnstein, Stadthalle „Lahnsteiner Bluesfestival“

Zwei Tage nach dem Bürgerfest fliegen wir für drei Wochen in die Türkei, wo ich in erster Linie versuche loszulassen. Gar nicht so einfach, wenn man seit Monaten rund um die Uhr damit beschäftigt war, dem Publikum gerecht zu werden und – was mindestens so wichtig ist – sich selbst nicht zu verleugnen. Äußerst erfreulich übrigens, dass unser Märchen auf Platz 1 der deutschen Album-Charts einsteigt. Eine Nachricht, die wir am Strand erhalten und natürlich gebührend mit Ayran begießen. Aber mal im Ernst: Wer hätte das damals gedacht, als ich mit dem soeben abgemischten „Zosamme alt“-Album aus den USA zurückkam und überhaupt keinen Plan hatte, wo ich das Teil denn nun jetzt veröffentlichen sollte. Unsere EMI befand sich schließlich in diesen Tagen im finalen Auflösungsprozess, dennoch gab es nach dreißig Jahren diesen Loyalitätskonflikt, an dem ich ganz schön geknabbert habe. Aber das ist jetzt endgültig Schnee von gestern. Festzustellen bleibt allerdings, dass die vergangenen zweieinhalb Jahre nach meinem Schlaganfall entgegen aller guten Vorsätze für mich alles andere als „höösch“ verlaufen sind. Und hier meine ich nicht die Vielzahl von Live-Auftritten (denn die haben ja ausschließlich Spaß gemacht), sondern vor allem das, was hinter den Kulissen ablief und wo ich mich notgedrungen drum zu kümmern hatte. Hoffentlich kehrt da jetzt endlich mal etwas mehr Ruhe ein.
In Cirali angekommen schaffe ich es nach und nach, mich auch wieder mal auf einen Roman zu konzentrieren. Das ist etwas, was mir während der Tour einfach nicht mehr gelingen wollte. Mit Ach und Krach habe ich es in dieser Phase geschafft, meine Zeitungen zu lesen um mich auf dem Laufenden zu halten. So lese ich in der ersten Woche endlich mal Hans Falladas Roman „Jeder stirbt für sich allein“ (in der ungekürzten Fassung), den ich mir bereits im Mai aus Ahmeds Bücherschrank entliehen hatte, zu Ende und freue mich nach anfänglichen Schwierigkeiten, irgendwann tatsächlich im Urlaubsmodus angekommen zu sein. Weitere empfehlenswerte Bücher: Paul Auster „Winterjournal“ (Danke Christian!), Tim Parks „Die Kunst stillzusitzen“, Mario Vargas Llossa „Ein diskreter Held“ sowie der etwa seltsame Roman von Russel H. Greenan „In Boston?“ ebenfalls aus Ahmeds Bücherschrank), von dem ich irgendwie kalt erwischt wurde. Wieso habe ich noch nie von R.H. Greenan gehört? Ansonsten bemühe ich mich redlich, die Seele baumeln zu lassen und als einziges, was mit meinem Job zu tun hat, mich auf die Songs vorzubereiten, die ich als Julian Dawsons Gast mit ihm und seiner Band auf dem Lahnsteiner Bluesfestival performen werde.
Am Freitagabend, dem 26.9., fliege ich nach Köln und direkt am nächsten Morgen sammelt mich der Fisch ein, denn ab 12:00 Uhr wird in Lahnstein gesoundcheckt und danach in der Garderobe erst die Arrangements abgesprochen. Wir spielen ausschließlich blueslastige Dylan-Songs, denn das war ja die Idee, die Julian dazu veranlasst hatte, mich einzuladen. Er hat eine wunderbare Band aus befreundeten Musikern zusammengestellt, unter anderem mit der Telecaster-Legende Jerry Donahue, der in den Siebzigern mit Fairport Convention zu Weltruhm gelangte und später sogar noch bei den Yardbirds spielte. Da dürfte nichts schiefgehen. Des Weiteren freue ich mich, Pete York kennenzulernen, der sich in der Garderobe zu mir setzt, um mit beim Spiel der Kölner gegen die Bayern Gesellschaft zu leisten. Ein äußerst angenehmer Zeitgenosse, der mit Sicherheit keinem mehr etwas beweisen muss. Der Mann hat in den 60ern bei der Spencer Davis-Group getrommelt (Somebody help me / Keep on running / Gimme some lovin‘ etc.) und später mit Eddie Hardin, dem Nachfolger von Steve Winwood bei der S.D.-G., als „Hardin & York“ die kleinste Bigband der Welt gegründet. Kann mich noch gut daran erinnern, wie ich Anfang der 70er nach Bonn gepilgert bin, um die Jungs live zu erleben. Die vergangenen zehn Jahre hat Pete in Helge Schneiders Band gespielt, dementsprechend lustige Geschichten gibt es zu erzählen. Da gerät dann auch schon mal ein Fußballspiel aus dem Focus. Aber ganz nebenbei bemerkt, hat sich der FC ja dann doch noch erheblich wackerer gegen die (erweiterte!) deutsche Nationalmannschaft geschlagen, als dereinst die Brasilianer. Pete York bekommt im Verlauf der Veranstaltung den „Blues-Louis“ verliehen, die Laudatio hält eine weitere Legende, nämlich die Beatclub-Moderatorin Uschi Nerke. Danach spielen Hardin & York einige Songs aus ihrer gemeinsamen Zeit. Weitere Highlights des Festivals sind die Auftritte von Cyril Neville aus den USA und des blutjungen britischen Gitarristen Laurence Jones. Was dieser Kerl draufhat, erinnert einen definitiv an den jungen Rory Gallagher. Hut ab! Der Tag hat jedenfalls einen Riesenspaß gemacht, auch wenn ich wiederholt nach drei Wochen Türkei den Eindruck hatte, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein. Geschlafen wird im „Wyndham Garden“-Hotel, einem weiteren Paralleluniversum, in dem Rheintouristen aus aller Welt in Einzelzellen untergebracht sind. Kann mich nicht erinnern, jemals in einem kleineren Hotelzimmer geschlafen zu haben.
Am Sonntag leiste ich mir den kleinen Umweg über Mannheim, wo Jojo tags drauf mit ihrem Studium beginnen wird, und da ich am Tag vor meinem Flug nach Köln festgestellt hatte, dass unser Haus in der kommenden Woche komplett von allen guten Geistern (sprich: den Mädels) verlassen sein wird (Tina in Rom, Isis in Berlin, Jojo in Mannheim) habe ich mich kurzfristig entschieden, nochmal für eine Woche in die Türkei zurückzudüsen. Carpe Diem, der Winter wird noch lang genug!