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Freitag, 5.September 2014 – Berlin, Bürgerfest des Bundespräsidenten

Dienstagvormittag zurück nach Köln und am Nachmittag dann direkt wieder nach Düsseldorf, zu einer Autogrammstunde bei Saturn.
Der Mittwoch ist Interviewtag. Zunächst telefonisch, dann zum WDR um zwei Stundengespräche aufzuzeichnen. 15:15 Zahnarzt. Erfreulicherweise komme ich erstmal um eine Wurzelbehandlung herum. Dennoch habe ich abgesagt, mit zum Länderspiel nach Düsseldorf zu kommen. Gute Entscheidung, denn nach all den Spritzen und der Rumbohrerei fühle ich mich, als hätte ich den Maulumfang eines ausgewachsenen Krokodils. Schaue mir das Spiel im Fernsehen an und erst gegen Ende der ersten Halbzeit fühlt sich alles wieder so an wie gewohnt.
Donnerstagmittag fliege ich mit Tina und Jojo frühzeitig nach Berlin, wo wir uns mit Isis treffen, um uns die Walker Evans-Ausstellung im Martin- Gropius-Bau anzuschauen. Noch nüchterner als John Steinbeck in seinen entsprechenden Romanen, hat Walker Evans in seinen Fotografien die Zeit der großen amerikanischen Depression in den 30er Jahren festgehalten und damit viele Generationen späterer Fotografen beeinflusst. Eine sehr eindrucksvolle Retrospektive.
Am Freitagmorgen sind wir um 10:00 zum Soundcheck im Park von Schloss Bellevue verabredet. Unsere bereits dezimierte Crew ist fast fertig mit dem Aufbau für unseren einstündigen Gig auf dem „Bürgerfest des Bundespräsidenten“ heute Abend um 21:00. Es ist ein seltsames Gefühl, den ersten Soundcheck ohne Jürgen zu machen, aber der heutige Gig wäre mit Sicherheit kein angemessener Abschied für ihn gewesen. Es musste unbedingt, auch wenn die Leute draußen nichts davon ahnten, ein reguläres Tour-Konzert sein.
Da dies hier wohl bis zum Lahnsteiner Bluesfestival, wo ich bei Julian zu Gast sein werde, der vorerst letzte Logbuch-Eintrag sein wird, sollte ich wahrscheinlich auch mal was zum „Märchen von der festen Besetzung“ sagen: Immer deutlicher haben wir in letzter Zeit gespürt, dass sich diesbezüglich ein Kreis geschlossen hat. Nicht nur Rhani spielt bei Sting, Al di Meola oder Dominic Miller, auch Ulle und Anne sind als nächstes mit Bosse unterwegs und Ulle dann allein mit Roger Cicero, Micha engagiert sich in der neuformierten Seilschaft und Werner bei den Soulcats. Zusammen mit Jürgen und Helmut spielen die beiden Letztgenannten in der „KK‘nZ“-Band, um Inga Rumpf zu begleiten, Helmut spielt mit Köster-Hocker, und ich habe mein unerwartet folgenschweres Solo-Album mit amerikanischen Musikern aufgenommen, nachdem ich in den Jahren zuvor mindestens so oft alleine mit Song-Lesungen unterwegs gewesen bin wie mit BAP. Wo ich mich bereits mit dem Covermotiv von „Pik Sibbe“ drüber lustig gemacht habe, ist viele Jahre später endlich offensichtlich geworden. Der Mythos von der Rasselbande, die abends in der Stammkneipe ausbaldowert, wie und wo sie am kommenden Tag die Welt aus den Angeln hebt, hat sich endgültig verbraucht! Wir sind alle inzwischen Väter (bzw. Mutter), haben Verantwortung und müssen sehen, wie wir von einem BAP-Projekt zum nächsten über die Runden kommen. Hierbei sollten wir auf keinen Fall die Nostalgie bestimmter Fans bedienen, die beispielsweise immer noch nicht kapieren wollen, wieso der Major nicht mehr bei BAP spielt. Würden wir das tun, wäre das verlogen. Wir haben uns seit Anbeginn nicht verkrampft, wenn Besetzungswechsel nötig waren, und vielleicht mache ich mir tatsächlich bei Gelegenheit mal die Mühe aufzuschreiben, wie viele Musiker an welchen Positionen mit BAP unterwegs waren. Vor ein paar Tagen habe ich darüber nachgedacht, wann dieser Prozess anfing, dass wir von der Garagenband zur Profiband wurden. Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass es wohl bei der schwierigen Produktion von „Ahl Männer, aalglatt“ anfing, als die ersten überregionalen Musiker zu uns stießen. Der Münchener Curt Cress hat im Studio Jan Dix aus Köln ersetzt, und Jürgen (aus Frankfurt) hat seinen Platz hinter dem BAP-Schlagzeug erst zwei Jahre später, nachdem Pete King aus London an Krebs verstorben war, eingenommen. Helmut Krumminga (aus Papenburg, wohnhaft in Köln) ist zu uns gestoßen, als der Major ankündigte, dass er nach der Comics & Pin Ups-Tour aussteigen wolle, weil er sich zu etwas anderen berufen fühle. Auch Helmuts und meine Vorstellungen drifteten in den letzten Jahren immer weiter auseinander, und es wurde immer schwerer, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Als dann auch noch familiäre Probleme bei ihm auftauchten, die es unmöglich machten, dass er mit uns unterwegs sein konnte, habe ich Ulle gefragt, ob er diesen Job übernehmen wolle. Inzwischen haben wir uns noch mehr auseinandergelebt und keiner aus der Besetzung, mit der wir die Tour gespielt haben, könnte sich mehr vorstellen, dass Helmut wieder an Ulles Position rücken würde. Ich habe ihm angeboten, weiterhin für uns zu komponieren, denn was seine musikalischen Fähigkeiten als Gitarrist und Komponist betrifft, hatte ich nie etwas an ihm auszusetzen. Fest steht, dass wir uns in der aktuellen Besetzung sehr wohl fühlen und versuchen werden, so auch das nächste Album anzugehen. Was den Jürgen-Nachfolger betrifft, werden wir uns alle Zeit der Welt nehmen. Als erstes freuen wir uns mal, dass Rhani BAP als „seine Band“ bezeichnet und weiterhin mit uns spielen will. Anne als „Gast“ zu bezeichnen hat sich im Verlauf der Tour endlich mal von selbst erledigt, und Ulle ist ebenfalls alles andere als ein „Gastmusiker“. In den kommenden Monaten werden wir Kontakt halten und uns gegenseitig Ideen zuschicken, aus denen womöglich das nächste BAP-Album entsteht. Wo ich übrigens auch seit längerem nur noch den Kopf drüber schüttele, ist der Begriff „Originalbesetzung“. Auf die Gefahr hin, dass sich das ziemlich sonnengottmäßig anhört, es ist schon was dran an dem, was ein alter Freund letztens zu dem Thema meinte: „Genaugenommen bist du die Originalbesetzung!“ Selbst wenn ich das nicht unbedingt so sehe, so ist es doch nach all den Jahren konsequent, zum alten Bandnamen (Wolfgang) Niedecken’s BAP, unter dem wir die ersten drei Alben firmierten, zurückzukehren. Schließlich war die „… zieht den Stecker-Tour“ aus meinem Solo-Album entstanden, und das Live-Album ist die Dokumentation ebendieser Tournee.
Aber erstmal gilt es, heute Abend im Schloss Bellevue „das Märchen vom gezogenen Stecker“ einzudampfen. Paradoxerweise dieses Mal vor stehendem Publikum, auch wenn sich die Leute noch so in Schale geworfen haben. Es ist uns eine große Ehre, von Bundespräsident Gauck bereits zum zweiten Mal zum Bürgerfest eingeladen zu sein, denn allen Unkenrufen der lupenreinen Pazifisten-Partei zum Trotz, handelt es sich bei Joachim Gauck - im Gegensatz zu Putin – tatsächlich um einen „lupenreinen Demokraten“.
Am späteren Abend sitzen wir noch mit der Crew zusammen in der Hotelbar und heben das Glas auf unser heutiges „Methadon-Programm“, welches uns auch helfen sollte, unseren Abschiedsschmerz zu lindern. Morgen zurück nach Köln, übermorgen in die Türkei.
Maat et joot, bess demnähx!