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Gulu, Uganda, Acholi Inn

Sind gestern fast pünktlich in Kampala losgefahren. Es heißt, dass die Strecke nach Gulu inzwischen sicher ist. Beim vorigen Mal sind wir geflogen, weil es damals immer wieder Rebellenangriffe, auch auf klar erkennbare N.G.O. (Non-Government-Organisations) – Fahrzeuge, gegeben hatte. Momentan ist alles ruhig, denn Anfang des Monats sind die unterbrochenen Friedensverhandlungen wieder ins Laufen gekommen. Man ist natürlich nach all dem Horror äußerst vorsichtig in der Beurteilung der Chancen für einen endgültigen Frieden, aber eine gewisse Hoffnung ist sogar im geschundenen Gulu-District spürbar.

Es ist jedenfalls ein denkwürdiges Gefühl mit unserem neuen Song „Noh Gulu“ im Hinterkopf hierher zu fahren. Unterwegs nehmen wir die Gelegenheit war, eins der neuen Flüchtlingslager zu besuchen, in dem die Leute auf die Rückkehr in ihre Heimatdörfer vorbereitet werden sollen. Die Idee ist, sie in immer kleineren Lagern näher an ihre zerstörten Herkunftsorte zu bringen, aus denen sie irgendwann im Verlauf der letzten zwanzig Jahre brutal vertrieben wurden.

Der zweite Zwischenstop findet in einem sogenannten „Child-Mother-Club“ statt, wo sich junge und jüngste (meist vergewaltigte) Mütter treffen, um sich in irgendeiner Form gegenseitig zu helfen. Unterstützt werden sie hierbei von World Vision. Auch hier ist ein kleines Tanz-und Musikprogramm für uns vorbereitet und als mich einer der lokalen World Vision-Mitarbeiter als Musiker vorstellt, bin ich reif. Hole meine Gitarre aus dem Auto und revanchiere mich mit einem „Lied über meine Stadt und die Sprache, in der ich aufgewachsen bin“ (Für ne Moment). Spätestens jetzt spüre ich, dass sich in den vergangenen drei Jahren etwas getan hat, denn als ich damals auf dem „Christmas in August“- Festival im hiesigen Stadion gespielt hatte, war die Stimmung im Publikum ausschließlich angespannt. Hier ist jetzt plötzlich die Hölle los, es wird getanzt und mitgeklatscht, wie ich es von Afrikanern gewohnt bin. Sehr beeindruckend, wie diese Mädels ihr Schicksal meistern.

Da es seit Beginn der Friedensverhandlungen nur noch sehr wenige Überfälle auf die Camps gegeben hat, sind die Zelte für die Nachtpendler („Night-Commuters“, die Kinder, die sich jeden Abend auf den Weg vom Camp bis nach Gulu-Stadt gemacht hatten, um sicher schlafen zu können) vorübergehend und hoffentlich endgültig abgebaut worden. Das „Reception - Center“ ist vorübergehend geschlossen, weil sich die Rebellen sehr weit bis in den Südsudan und in den Ostkongo zurückgezogen haben und bis auf weiteres nicht mit entkommenen Kindersoldaten zu rechnen ist.

Haben heute in zwei weiteren Flüchtlingslagern einige der ehemaligen, resozialisierten Kindersoldaten kennen gelernt und ein weiteres Mal war es unfassbar und niederschmetternd, zu hören, was diese Kinder durchleiden mussten. Der teuflische Plan des Rebellenführers Joseph Kony beinhaltet unter anderem, dass jedes zwangsrekrutierte Kind gezwungen wird, eine möglichst nahen Verwandten (Bruder, Schwester, Mutter oder Vater) zu erschlagen oder abzuschlachten, um ihm so den Rückweg zu seinen Leuten unmöglich zu machen, jeden Gedanken an Flucht im Keim zu ersticken. Also ist es für jemanden, der entkommen ist, neben dieser traumatischen Erfahrung das größte Problem, nicht obendrein von seinen eventuell noch lebenden Familienmitgliedern verstoßen zu werden. Hier müssen die Hilfsorganisationen wahre Wunderdinge vollbringen, denn die Stigmatisierung stellt innerhalb der Gesellschaft des ehemals so stolzen Acholi-Volkes ein Riesenproblem dar.
Überhaupt steht schon nach zwei Tagen Gulu für mich fest, dass selbst nach einem möglichst baldigen Abschluss der Friedensverhandlungen noch Unmengen von zu bewältigenden Problemen, die durch diesen Bürgerkrieg entstanden sind, auf dringende Lösung warten.

Heute haben Sönke Weiss und ich uns mit Christine getroffen, deren Geschichte er in seinem Roman „Das Mädchen und der Krieg“ (Brendow-Verlag) erzählt. Wir sind mit ihr zu ihren Eltern gefahren und haben somit auch ihren Vater getroffen, den sie eigentlich auf Befehl der Rebellen erschlagen sollte, der aber wie durch ein Wunder überlebt hatte. Man merkt ihm natürlich an, was er erlitten hat, auch wenn man auf den ersten Blick keine äußeren Spuren sieht. Er ist zwar ziemlich langsam, denkt aber offensichtlich sehr klar und vor allem seinen Lebensmut und seinen Humor nicht verloren. Als ich ihm erzähle, dass mein Vater wie er Josef hieß und ich seinen Ring trage, meint er grinsend, der würde mit Sicherheit besser zu jemanden namens Josef passen und er würde sich notfalls dazu zur Verfügung stellen. Christine besucht inzwischen das Gymnasium in Gulu und möchte danach in Kampala Medizin studieren. Ihr Töchterchen, dessen Vater der zweitwichtigste Rebellenführer neben Joseph Kony ist, lebt bei ihren Großeltern und in ihrer Freizeit organisiert sie eine Theatergruppe, mit der sie durch den District zieht, um gegen die Stigmatisierung der ehemaligen Kindersoldaten anzukämpfen.