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Lebenslänglich Im Heimathafen

DVD + CD • 2016

Niedeckens BAP - Live im Heimathafen Neukölln

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Das tiefe „Dong“ der Domglocken erklingt durch den stuckverzierten Saal, der in ein warmes, dunkles Rot getaucht ist. Die riesige Discokugel an der Decke schimmert still wie ein Glitzerstern. Im Halbdunkel formieren sich die Musiker, bis ein Mann im Jeanshemd schwungvoll in die Gitarrensaiten greift. „Frau, ich freu mich“, verkündet er mit einem Lächeln auf den Lippen. Der Song, der das Publikum sofort auf Betriebstemperatur bringt, ist der Auftakt für ein historisches Auswärtsspiel von Wolfgang Niedeckens BAP.

Es gibt einiges zu feiern. Das erste Studioalbum nach fünf Jahren etwa, das achtzehnte insgesamt. Und auch das 40ste Band-Jubiläum steht an. Vor ziemlich genau vier Jahrzehnten trafen sich zum ersten Mal ein paar Jungs aus der Südstadt in Köln mit viel Euphorie und einem Kasten Bier im Proberaum. Es ist Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen: „Lebenslänglich“ eben. Dafür hat es Wolfgang Niedecken im Winter 2016 von Köln nach Neukölln verschlagen. Daheim am Rhein, so teilt er den Fans halb ernst, halb schelmisch mit, wären keine passenden Säle mehr frei gewesen. Schließlich ist der Januar die Zeit des Sitzungskarnevals. Und Karneval heißt Ausnahmezustand, nicht nur für BAP. Deshalb Berlin; was ohnehin gut zum Vibe der neu formierten Band passt. Wolfgang Niedecken will es noch einmal wissen.

Der 110-minütige Live-Mittschnitt fängt diese mal heitere, mal nachdenkliche Atmosphäre in authentischen Kamerasequenzen ein. 17 Songs mit einem klaren Schwerpunkt auf der Jetztzeit. Schließlich steuert Wolfgang Niedecken auf „Lebenslänglich“ denkwürdige Stationen seiner Karriere an. Als Mensch und Künstler. Ein Blick zurück nach vorn also, mit dem sich BAP musikalisch vielfältiger denn je aufstellt. Sein klassisches Ouevre wird vom MusikerInnen-Duo Ulrich Rode und Anne de Wolff kongenial erweitert. Im Austausch mit Niedecken steuern die Beiden eigene Kompositionen bei. Frischer Wind im BAP-Kosmos aus dem legendärenHamburger GaGa-Studio, in dem das Album aufgenommen wurde. Live macht sich diese Neu-Formation natürlich klar bemerkbar. Rode übernimmt mit leichter Hand die Gitarrenparts seiner Vorläufer Klaus „Major“ Heuser und Helmut Krumminga. Das Wechselspiel mit Niedecken funktioniert aus einem Guss. Für sein gefühlvolles Intro zu „Jupp“ setzt es sogar Szenenapplaus. Multiinstrumentalistin Anne de Wolff wechselt zu Cello oder Geige und bringt so neue Klänge in das Rock-Universum von BAP.

Berlin ist offen für diesen Restart. Die vielen Freunde und Wegbegleiter im Publikum sind begeistert. Wim Wenders wippt auf der Empore mit. Auf der Bühne gibt es einen lebhaften Austausch am Mikrophon. Ein musikalischer Dialog der Generationen, wenn etwa Clueso zum hochdeutsch-kölschen Dialog zu „All die Aureblecke“ antritt. „Die Ballade vom Vollkasko-Desperado“ gehört Martin Wenk von Calexico. Nicky Müller, alias von Brücken übernimmt „Dä Herrjott meint et joot met mir“ und Thees Ullmann, schon ein wenig bierseelig, hängt sich stimmgewaltig in „Absurdistan“ rein. Und natürlich kommt auch die alte Liebe Bob Dylan mit einer Coverversion von „Simple Twist Of Fate“ zum Zuge, die er mit Max Prosa in „Komisch“ in entspannter Weise würdigt. Mit Stephan Stoppok beschwört Niedecken schließlich die „Vision von Europa“, bevor er im Lichte der Flüchtlingskrise noch einmal - sichtlich unerfreut über die Stimmung im Lande – mit hartem Anschlag die klassische Hymne „Kristalnaach“ krachen lässt. „Live im Heimathafen“ zeigt Wolfgang Niedecken aktueller denn je.

Als sich zum Ausklang Band und musikalische Gäste nach einem emotionalen „Verdamt lang her“ zu einem euphorischen Finale versammeln, stimmen sie gemeinsam David Bowies „Helden/Heroes“ an. Der Thin White Duke war einige Tage vor dem Heimathafen-Konzert gestorben. Keine Frage, ein legendärer Abend.