Finnentrop - Festhalle
Nachdem ich gestern Abend die Einladung der KVB wahrgenommen hatte, mit meinen Söhnen und Neffen das bereits fertig gebaute Teilstück des Kölner Nord-Süd-Bahn-Tunnels unter der Bonner- und Severinsstraße zu begehen (eine äußerst beeindruckende Szenerie, mal abgesehen davon, dass es schon ein merkwürdiges Gefühl ist, sich plötzlich 20 Meter unter dem Keller seines Elternhauses zu wissen), beginnt heute hier in Finnentrop unsere Wintertour.
Geplant war, ab 14 Uhr an Programmumstellungen und länger nicht mehr gespielten Songs zu arbeiten, aber da wieder mal der Van mit der Spätschicht in Staus gerät, können wir erst anderthalb Stunden später damit beginnen. Was dazu führt, dass das Abendessen, sowie die unbedingt nötige Relax- und Konzentrationsphase für alle nach hinten rückt und verkürzt wird. Für mich persönlich fällt sie komplett aus. Interviews und meet&greet bis kurz vor der Show.
Entschädigt werde ich durch das Wiedersehen mit einer alten Bekannten aus der Rheinbacher Schulzeit, die einige mir tatsächlich unbekannte Fotos meiner ersten Bands mitbringt.
Der Auftritt gerät trotz der nachmittäglichen Hektik erstaunlich entspannt. Bis auf das neue X-mas Medley, das wir uns im Laufe der Tour im Rahmen eines Soundchecks vornehmen müssen; sollten die Wetterverhältnisse dann doch noch einmal weihnachtliche Gefühle aufkommen lassen.
Das neue Walzerintro funktioniert prächtig. Die letzte Minute von Johann Strauss’ „Künstlerleben“ bietet idealerweise die erhoffte Besinnungslücke zwischen der Einlassmusik mit Uralt-Beatles-Songs und „Dreimohl zehn Johre“. Viel ist an der neuen Setliste nicht zu verändern, wesentliche Umstellungen werden erst durch eventuelle Gastauftritte, bzw. Annes gelegentliche Abwesenheit von Nöten sein.
Man fährt mit gutem Grundgefühl ins ländliche Sauerland-Hotel und dazugelernt hat man auch: Finnentrop liegt nicht etwa – wie der Name suggerieren könnte – Richtung Finnland an der Ostseeküste, sondern nicht einmal 100km entfernt von der Stadt, in der Gott selbst dem Menschen gegenwärtig in der Person eines Fußballlehrers erscheint.
Dabei hätte ich das doch wissen müssen, schließlich waren die Erzeugnisse der hiesigen Wurstfabrik „Metten“ absolute Verkaufsschlager im Laden meiner Eltern und einige der soliden Pappkisten, in denen deren Erzeugnisse angeliefert wurden, befinden sich heute noch auf diversen Familienspeichern, gefüllt mit Krempel aller Art, von dem man sich einfach nicht trennen kann. Sogar in meinem Atelier steht eine, randvoll mit Scherben, die ich vor locker 15 Jahren einmal im Niedrigwasser am Rhein, gemeinsam mit meinen Söhnen gesammelt habe. Irgendwann mache ich da mal was draus, irgendwann…..
Neuwied + Köln
24.- 27. November, Neuwied, Schloss Engers und Köln, KVB-Betriebshof
Frank Laufenberg hat mich eingeladen, mit ihm im großen Saal des Schloss Engers eine Radiosendung aufzuzeichnen. Sie besteht aus einem einstündigen Gesprächsteil und einem anschließenden Kurz-Sologig. Gesagt, getan.
Das Gespräch läuft, wie schon das letzte im Baden-Badener Amtsgericht, wie von selbst. Für den Konzerteil habe ich mir ein paar entlegenere Stücke ausgesucht, neben ein paar eigenen auch welche von Leonard Cohen, Neil Young und natürlich Bob Dylan. Vom letzteren übrigens die eingekölschte Fassung von „Every Grain of Sand“, das ja letztens in Taroudant (siehe 17.Oktober) u.a. zu einem neuen BAP-Song geführt hat.
Ausgestrahlt wird die Chose dann am 10.Dezember ab 20 Uhr im SWR1-Szenetalk..
Samstag und Sonntag dann zum vorerst letzten Familienwochenende vor der Winter-Tour nach Kronenburg. Montag Nachmittag gilt es dann auf dem Merheimer Betriebsgelände der KVB der BAP-Bahn einen würdigen Stapellauf zu bescheren. Wirklich großartig geworden, unsere „Dreimal zehn Jahre“-Bahn, die jeweils zweimal in überlebensgroßer Form die jetzige Bandbesetzung heute und vor dreißig Jahren zeigt (natürlich in der einzigartigen Sebastian-Krüger-Version vom Album-Cover). Als Hintergrund gibt es den handschriftlichen Text des Titelsongs zu sehen..
Bin sehr froh, dass Sebastian für diesen Stapellauf kurzfristig einen London-Trip sausen ließ. Ganz abgesehen davon, dass es uns immer eine große Freude ist, ihn zu treffen, gehört es sich einfach, dem eigentlichen Künstler dieses „Dreißig Meter langen Kunstwerkes auf Schienen“ die ihm gebührende Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Hatte schon größte Befürchtungen, hier mit größtenteils fremden Federn geschmückt zu werden.
Wir spielen ein knapp einstündiges Unplugged-Set vor ca. 300 geladenen Gästen und danach wird mir die Ehre zuteil, die Bahn unter großem Applaus aus der Halle auf einen Rundkurs des Betriebshof zu kutschieren. Nä, wat hammer jelaach!
Aber mal im Ernst. Es ist schon eine große Ehre über den Umweg KVB von seiner Stadt ein dermaßen auffälliges Geburtstagsgeschenk zu erhalten. Bin jetzt schon gespannt auf den Moment, in dem ich unserer Bahn zum ersten Mal unvorbereitet im Straßenverkehr begegnen werde.
Düsseldorf, Bochum, Köln
16. bis 19. November 06
Fahre schon am Mittwoch Abend nach Düsseldorf, weil es erfahrungsgemäß morgens während des Berufsverkehrs zu stressig ist, um pünktlich zur ZDF-Vormittagssendung „Volle Kanne“ zu gelangen. Bin hier offensichtlich ein gerne gesehener Gast, heute bereits zum fünften Mal zum Frühstücksplausch eingeladen.
Inzwischen haben wir hier tatsächlich sämtliche Langweilerfragen abgehakt, wodurch sich auch für mich ein interessanteres Gespräch ergibt. Besonders erwähnenswert die Flut der Zuschauerfragen ), die bei weitem nicht alle beantwortet werden konnten. (zustande gekommen vermutlich auch deshalb, weil wir die Sendung auf unserer homepage angekündigt haben und somit fachkundigere Frager am Start waren als sonst üblich).
Nachmittags dann mit Didi nach Bochum ins Schauspielhaus, wo ich meine Teilnahme an der Benefizgala „Die Feuerlöscher“ zugunsten des vor kurzem abgebrannten Kostümfundus zugesagt habe. Bin erstaunt, wie gut dieses ungeprobte Programm zusammen funktioniert. Die erste Hälfte bestreiten in erster Linie Kabarettisten und Comedians, von Jörg Knör bis zu Dirk Bach und Ralf Morgenstern. Die zweite Halbzeit besteht aus Lesungen und Gesangsvorträgen.
Als ich schließlich am Schluss der Veranstaltung mit meinen drei Songs (Simple twist of fate, Ruut-wieß-blau und Nix wie bessher) an der Reihe bin, habe ich mich noch keine Sekunde gelangweilt, muss allerdings spätestens bei der zweiten Nummer feststellen, dass sich im Auditorium so gut wie keine BAP-Fans, sondern fast ausschließlich Theaterkundschaft befindet. Egal, man ist aufmerksam, versucht, die Texte zu verstehen und klatscht ausführlich an den dafür vorgesehenen Stellen, nämlich zwischen den Songs.
Übernachtung in Bochum und da ich nun einmal hier bin, dachte ich mir, da kann ich ja auch gleich ein bisschen Pressearbeit zum promoten unseres hier am 5.Dezember stattfindenden Konzertes machen.
Zur Belohnung gibt es dann abends ein Erstligaspiel (Bochum - Eintracht Frankfurt) und ein sehr erfreuliches Wiedersehen mit meinem alten Freund Stephan Kuntz, mit dem sich - während seiner aktiven Zeit beim 1.FC Kaiserslautern - des öfteren unsere Wege kreuzten. Jetzt ist er hier Manager und macht trotz des nicht allzu tollen Tabellenstandes des Vfl einen gewohnt lebensfrohen Eindruck. Es gibt reichlich Geschichten auszutauschen („Weisste noch...?“) und die Aussicht auf Weiteres. Am 5.Dezember sehen wir uns dann in der Kongresshalle nebenan.
Dass Bochum nach einem 0:2 Rückstand das Spiel dann doch noch mit einem 4:3 umbiegen konnte, trug mit zur Stimmung bei. Für mich persönlich war es ausgesprochen angenehm, mir einmal völlig unparteiisch ein Fußballspiel anzusehen. Nerven hat es mich jedenfalls diesmal keine gekostet. Die musste ich schließlich für den Sonntag ab 14 Uhr reservieren. Denn da trat Gottes Lieblingsverein hoffnungsvoll gegen die Löwen an, um nach vorläufiger Führung dann doch 1:2 zu verlieren.
Aber wie wir ja inzwischen wissen, übernimmt Christoph Daum in Bälde als Erlöser die Trainerbank und wird mit Sicherheit den Abstieg in die Regionalliga zu verhindern wissen. Die Seifenoper unter der Regie der Kölner Boulevardpresse wird also fortgesetzt, wir dürfen gespannt sein.
Weitaus erfreulicher dann das abendliche Konzert der Furies im Düsseldorfer Stahlwerk. Schön, die Jungs mal wieder zu treffen, tolles Konzert und wie ich höre, machen wir dann im nächsten Jahr endlich auch mal wieder was zusammen.
Köln
8.-10. November 06
Nach der ersten grauenhaften Halbzeit Köln-Aue (Endstand 0:1) holt mich Stephan hinter dem Stadion ab, um mich zum WDR nach Bocklemünd zur Aufzeichnung von „Zimmer frei“ bei Christine Westermann und dem nicht gerade als BAP-Fan geltenden Götz Alsmann zu chauffieren.
Zunächst hatte ich die Einladung ob wiederholter verbaler Tiefschläge von Götz A.’s noch ausgeschlagen, nach einem klärenden Gespräch dann aber keinen Grund mehr für diesen Verzicht gesehen. Es gehöre zu seiner Rolle in dieser „Kindergeburtstag für Erwachsene-Show“ hatte er mir erklärt, dass er mit seinem angeschrägten Styling unter anderem auch ein paar Feindbild-Klischees zu pflegen habe. Und was Köln und den Rock’n’Roll betrifft, sei die Wahl nun mal unglücklicherweise auf uns/mich gefallen und so was verselbständige sich halt im Laufe der Zeit.
O.K., Schwamm drüber. Jedenfalls haben wir vor, während und nach der einstündigen Aufzeichnung richtig Spaß gehabt und bei der Schlussabstimmung des Publikums bin ich (fast) einstimmig in die Wohngemeinschaft aufgenommen worden. Was will man mehr?!
Tags drauf schaffe ich es dann endlich, gemeinsam mit Isis und Robin Sönke Wortmanns in der Tat gelungenen WM-Film anzusehen .
Am Freitag Vormittag treffe ich Sönke Weiß, den Autor des Buches „Das Mädchen und der Krieg“, zu dem ich vor ein paar Monaten das Vorwort geschrieben hatte. Er bringt mich in Sachen Gulu/Uganda auf den neuesten Stand und wir beschließen im nächsten Jahr einmal gemeinsam dort hinzureisen. Sehr erfreulich übrigens, dass unsere homepage inzwischen mit der von World Vision verlinkt ist, so dass sich auch interessierte BAP-Fans über den Stand der Dinge informieren können. (siehe unter "Links": Freunde & Fans)
Köln
6. November 06, Köln/Kölnarena, Bruce Springsteen + The Seeger Session Band
Eigentlich alles wie immer: Bei meinem Eintreffen befindet sich Bruce mit seiner wunderbaren Hobby-Band zum ausgedehnten Soundcheck auf der Bühne. Der ganze Verein ist heute morgen per Privatjet in Europa eingetroffen. Die Jetlag-Problematik entfiele, versichert mir Barbara Carr, Bruces langjährige persönliche Betreuerin, schließlich gäbe es Schlafkojen im Flugzeug. Außerdem sei man längst an Reisebedingungen dieser Art gewöhnt.
Nach erfolgreich beendetem Soundcheck geht es danach mit dem Meister zum Plausch in seine Garderobe, um sich darüber auszutauschen, was seit unserem letzten Treffen Anfang des Jahres in Frankfurt geschehen ist. Gespielt hat er im Frühjahr und im Herbst Zwischenzeitlich hat er auf Tour sowie auch den spielfreien Sommer über am Material für das nächste E-Street-Band-Album gearbeitet (Eigentlich alles wie im richtigen Leben, was anderes tue ich auch nicht!).
Die obligatorische Frage, ob ich Lust hätte, eine Nummer mitzuspielen, bejahe ich natürlich. Und er schlägt mir „Pay me my money“ vor. Ich bin beruhigt, denn den Song kenne ich, im Gegensatz zu „Buffalo Gals“ letztens in Frankfurt, wo er mir lediglich die Akkorde verriet und meinte „Den Rest merkst du dann“.
Bruce und seine Band, auf die er mit Recht sehr stolz ist, liefern heute jedenfalls ein phantastisches Konzert ab. Leider erzählt er nicht mehr viel zu einzelnen Stücken, was, wie mir Aaron, der Gitarren-Roadie, erzählt, mit den Shows in Frankreich und Italien zusammenhinge. Dort entstehe, ob mangelhafter Englisch-Kenntnisse des Publikums regelmäßig während längerer Ansagen eine unangenehme Unruhe im Auditorium.
Erst nach der Show komm ich dazu, zu fragen, warum er meinen Lieblings-Pete-Seeger-Song „Turn, turn, turn“ nicht im Programm habe. „Warum fragst du das jetzt erst? Hättest du das vor drei Stunden gesagt, hätten wir ihn für dich gebracht. Den haben wir drauf, den spielen wir ab und zu.“
Schade, jetzt werde bis auf weiteres mit der bewährten Byrds-Version Vorlieb nehmen müssen.
Essen/Köln
3. – 4. November, Freitag/Samstag
Beim letztjährigen Landesmedienball in Essen fand die Tombola zugunsten von „Gemeinsam für Afrika“ statt, weshalb ich bei der diesjährigen Veranstaltung vor Ort bin, um einen Scheck über 30.000 Euro entgegenzunehmen. Für eine solche Spendensumme – finde ich – kann ich mich auch ruhig mal in Schale werfen.
Erfreulicherweise hat man Tina und mich in unserem Sinne platziert. Wir sitzen mit Christoph Metzelder von Borussia Dortmund, Joachim Krol und dem letztjährigen Landesmedienpreisträger Marius Müller-Westernhagen, der dieses Jahr an den Preis an den sterbenskranken Maler Jörg Immendorf weitergibt, am Tisch. Kurzweiliger Abend, wir schaffen es sogar zwischenzeitlich mal über etwas anderes als Fußball zu reden. Schön auch, unseren langjährigen Manager Balou, der sich inzwischen u.a. um Marius kümmert, mal wieder zu treffen.
Samstag Nachmittag trifft dann Oliver Kobold in Köln ein. Wir hatten uns verabredet, uns gemeinsam im Kunsthaus Rhenania die Ausstellung „ Rolf Dieter Brinkmann und die Pop-Literatur“ anzusehen. Oliver ist in diesem Fall natürlich der ideale Ausstellungsführer. Schließlich steht er kurz vor Vollendung seiner Doktorarbeit über R.D. Brinkmann.
Allerdings ist die Ausstellung nicht unbedingt das Gelbe vom Ei, was wohl nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein dürfte, das von R.D. Brinkmanns Witwe so gut wie keine authentischen Exponate zur Verfügung gestellt wurden und man versucht hat, diese Lücken mit zweit-und drittklassigem Material irgendwelcher Wegbegleiter und Zeitgenossen zu füllen. Den Tiefpunkt bilden die unterirdisch schlechten Bilder eines mit dem Schriftsteller befreundeten Malers. Die ziehen einem echt die Schuhe aus. Kann mich noch sehr gut an Mitstudenten an der Kölner Werkschule erinnern, die seinerzeit derartiges Zeug produzierten.
Abends treffen wir uns dann mit unserem Freund uns Leopardefell-Gitarristen Carl Carlton, dessen 17-jähriger Sohn Max im Gloria im Rahmen der „Global Battle of the Bands“ mit seiner Band „Empty Trash“ auftritt. Habe den Kerl zuletzt im Leopardefell-Sommer 1995 auf Lanzarote gesehen. Damals ein kleiner Mann, der stolz darauf war, Kopfsprünge vom 1-Meter-Brett drauf zu haben.
Inzwischen ist er fast so ein Riese wie sein Vater, und hat es immerhin geschafft mit „Empty Trash“ den ersten Platz der Berliner Vorausscheidung zu belegen. Wenn auch der Sound heute nicht perfekt ist, die Jungs überzeugen durch Persönlichkeit. Habe Carl noch nie so nervös vor einem eigenen Auftritt gesehen, wie heute Abend vor dem seines Sprösslings.
Kronenburg/Baden-Baden
25.- 29. Oktober
Mit dem Hochgefühl des gestrigen 4:2 Siegs im Pokalspiel gegen Schalke (endlich darf man nach all den Jahren mal wahrheitsgemäß die berüchtigte Zeile aus „Nix wie bessher“ singen) hänge ich mit dem Manfred zusammen meine am Freitag zu eröffnende Ausstellung in seinem Kronenburger Schauraum. Abends dann mit dem Zug nach Baden-Baden, wo mich Frank Laufenberg am Bahnhof abholt.
Abendessen bei einem leckeren Italiener und Nachtruhe auf der Bühler Höhe: Der Begriff „Nobelherberge“ muss neu definiert werden. Eingeladen bin ich vom hiesigen Rotary-Club, dessen Mitglieder im Baden-Badener Amtsgericht eine Ausstellung zum Thema „DDR-Justiz“ organisiert hat. Im Rahmen dieser Geschichte am Donnerstag Abend hier dann auch die Aufzeichnung eines Gesprächs (vor Publikum) zwischen Frank und mir über unsere geplatzte DDR-Tour (die am Freitag, dem 3. November ab 14:05 Uhr auf SWR2 in der Reihe „Dschungel“ ausgestrahlt wird). Natürlich, wie auch nicht anders erwartet, ein sehr kurzweiliges Unterfangen, ein Gespräch bei dem selbst die zahlreich erschienenen Die Hard- Baptisten noch Details erfuhren, von denen sie bisher noch nichts wussten.
Freitag Nachmittag holt mich dann der Didi ab und wir fahren gemeinsam zurück nach Kronenburg um hier abends meine Ausstellung „Bilder aus den Siebzigern“ zu eröffnen. Die Hütte ist heute noch voller als bei meiner ersten Ausstellung, die fünfzig ausgedruckten Exemplare von Olivers Text über die ausgestellten Arbeiten sind im Handumdrehen vergriffen.
Freue mich besonders über Sebastian Krügers Kommen, den ich zwar regelmäßig zu allen erdenklichen Geschichten einlade, aber nicht wirklich erwarte. Schön auch, dass der Effendi mal vorbeischaut, Hans Heres, Christian Springer, Eusebius Wirdeier, unser Pokalheld Stephan Wessels und überhaupt ganz viele alte Freunde und Bekannte. Habe den Eindruck, dass wir auch den Kronenburgern mit unserem Schauraum-Aktivitäten Freude bereiten. Samstag mal null Prozent offizielle Aktivitäten und Sonntags nach Köln-Bocklemünd, um im Rahmen der WDR-Sendung „ NRW packt an“ einen Song (Unger Krahnebäume) und einen Talk zum Thema „Gemeinsam für Afrika“ beizusteuern.
Hier Oliver Kobolds Text zur Ausstellung:
Wolfgang Niedecken – Bilder aus den Siebzigern
I been to Sugar Town
I shook the sugar down - Bob Dylan, 1997
Der „Schauraum“ präsentiert mit „Bilder aus den Siebzigern“ die zweite Ausstellung mit frühen, teilweise noch an der Kölner Kunsthochschule entstandenen Arbeiten Wolfgang Niedeckens. Diese Werkphase zeugt von Niedeckens intensiver, nicht zuletzt durch den persönlichen Kontakt zu Malern wie Howard Kanovitz und Malcolm Morley angestoßener Beschäftigung mit dem amerikanischen Photorealismus. Ausgehend von Bildträgern wie Postkarten, Zeitschriftenseiten, Kalenderblättern, Annoncen etc., untersucht die photorealistische Malerei, wie technische Bildmedien Realität vermitteln und Wahrnehmungen steuern. Das für photorealistische Bilder typische Spiel mit den Realitätsebenen sowie ein oft ironischer Umgang mit Bezugsgrößen aus der Kunstgeschichte prägen auch die von Niedecken freier gestalteten sogenannten „Zuckerguss-Bilder“.
Die Auseinandersetzung mit Warenästhetik und Werbung auf der einen Seite und das Hinterfragen des eigenen und des öffentlichen Kunst- (und Künstler-)verständnisses auf der anderen mündet Ende der siebziger Jahre in die zweite von drei zusammen mit Manfred Boecker unternommenen Gemeinschaftsarbeiten. Die Präsentation einiger von Niedeckens Beiträgen zu „Was ist Kunst?“ (1978) knüpft an die erste „Schauraum“-Ausstellung vom Frühsommer 2006 an, die Ausschnitte aus den beiden anderen „Feldforschungsprojekten“ „Wunschbilder“ (1977) und „Tagesbilder“ (1979) gezeigt hatte.
„Was ist Kunst?“ sammelt, so lautet 1979 die Selbstauskunft von Niedecken / Boecker, „Belastungsmaterial für einen längst fälligen kulturpolitischen Indizienprozess“. Geführt wird dieser Prozess gegen die in Werbung und gezeichneten Bildwitzen kursierenden Darstellungen und Vorstellungen von Kunst, von Kunstbetrieb und Kunstpersonal. Die Indiziensammlung umfasst zwölf, jeweils einen anderen Themenbereich abdeckende Aktenordner voller Karikaturen und Annoncen. Das aus Zeitschriften gewonnene Material ermöglicht einen genauen Blick auf die von den Werbegraphikern und Zeichnern benutzten Stereotypen und Klischees bei ihrem Umgang mit Kunst. Beide, Witz und Werbung, müssen, um das Funktionieren der Kommunikation mit dem Rezipienten sicherzustellen, anknüpfen an weit verbreitete und gemeinhin akzeptierte Kunst-Auffassungen. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, eben diese Auffassungen, die nicht selten Vorurteilen gleichen, wenn nicht stets aufs Neue zu erzeugen, so doch zu festigen.
Die detailarmen Bildwitze verlangen die Beteiligung des Betrachters, der sich beim Vervollständigen der spärlich gegebenen Informationen empfänglich zeigt für Klischees. Der Künstler bleibt der ewige, Baskenmütze und Schal tragende sowie unablässig rauchende und trinkende Bohemien, der seinem oft unbekleideten Modell zu nahe zu kommen pflegt und auf dessen Leinwand entweder Aktstudien zu sehen sind oder Schmierereien: So sucht der Zeichner augenzwinkernd das Einverständnis mit dem über abstrakte Kunst im Namen des ‚Guten Geschmacks’ urteilenden Betrachter („A child of six could do it“), der mit seinem Beharren auf dem gesunden Menschenverstand längst schon das Banausentum verkörpert, dessen er den abstrakt malenden Künstler noch zeiht.
In der Werbung bietet sich ein anderes Bild. Kunst dient hier als Staffage für die Ware, der sie den Glanz bleibender Werte zu verleihen hat. Kunst ist in der Werbung Geldanlage, wirkungsvolles Möbelstück oder bunter, gerade noch erlaubter Spleen, nie jedoch Widerstand oder zumindest Irritation. Die Werbung, die Kunst für ihre (manipulativen) Zwecke benutzt, suggeriert dem Konsumenten, auch er könne teilhaben am Wohlbefinden der lucky few, kaufe er nur das vorgestellte Produkt. Doch zumeist versagt die Ware die Erfüllung der geweckten Bedürfnisse, um das Kaufbedürfnis in die Zukunft hinein zu verlängern.
In „Was ist Kunst?“ folgt auf die Dokumentation in einem zweiten Schritt die Interpretation des vorgefundenen Materials. Das in den Witzen und Annoncen als Kunst Erscheinende wird von Niedecken und Boecker per Ausschnittvergrößerung photorealistisch herausgemalt und somit in die Kunst zurückgeführt. Der Medienwechsel trägt zur Analyse der photographischen bzw. gezeichneten Vorlage bei, das von Graphikern und Zeichnern als Kunst Ausgegebene tritt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Solcherart freigestellte „Kunstwerke“ können plötzlich nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilt werden, sondern führen die in der Werbung betriebene Zurichtung der Kunst zum dekorativen Beiwerk buchstäblich vor Augen – so wenn in „Die Stunden genießen“ das (ovale) Bild zu seinem (rechteckigen) Rahmen zu passen hat und nicht umgekehrt.
Als geradezu avantgardistisch erscheint dagegen das Werk des wackeren Malers in „Q“, der das Tier, das ihm vor Augen steht, aufgrund lautlicher Übereinstimmung in einen Buchstaben des Alphabets verwandelt. Niedecken isoliert das „Q“ und funktioniert den Gag auf diese Weise um in eine Hommage an die frühen Buchstabenbilder von Jannis Kounellis, die durch die Zersplitterung des Worts eine ganz eigene Art hermetischer Dichtung schufen.
„Golgatha“ (1974) verursachte an der Kölner Kunsthochschule einen kleinen Eklat: Die drei großen Kreuze, die mit exakt reproduzierter Süßigkeitenwerbung versehen sind, mussten für eine Weihnachtsfeier einflussreicher Förderer der Hochschule abgehängt werden. Wer da jedoch Blasphemie witterte, hatte nicht genau genug hingeschaut. Schließlich thematisiert die Arbeit – wie Niedeckens Gedicht „Et neuste Testament“ fünf Jahre später: „En Golgatha ess Jubiläum, all sinn do. / Et hätt sich vill jeändert, nix blevv, wie et wohr“ – den allein kommerzielle Zwecke verfolgenden Gebrauch christlicher Symbolik. Der Titel „Golgatha“ sowie die Dreizahl der Kreuze erinnern zwar an die Kreuzigung Jesu und zweier mit ihm hingerichteter namenloser „Verbrecher“ (Lukas 23,39). Gleichzeitig verweist die Lebkuchenreklame im linken Kreuz aber auch auf das längst von Konsum und Kommerz besetzte Weihnachtsfest, dessen ursprünglich christlicher Gehalt kaum noch erkennbar ist. „Golgatha“ zwingt dazu, bei Betrachtung der Kreuze immer auch den bunten und glänzenden Warenschein zu registrieren. Und die drei Kreuze erscheinen auf einmal als eine besonders extravagante und damit verkaufsfördernde Verpackung für Süßigkeiten.
„Röhrender Hirsch“ (1974) ist ein Bilderrätsel, das alles dazu tut, gelöst zu werden. Jedes Rebus fordert vom Betrachter, die gegebenen Bilder zu erkennen und in Begriffe zu übersetzen. Im vorliegenden Fall gewährleisten die Silbenüberleitung „...der“ und mehrere Buchstabenhilfen, dass dies gelingt. Zudem wird das Lösungswort, das sich aus den gefundenen Begriffen ergibt, im Titel der Arbeit bereits genannt. Die Pointe liegt nun darin, dass dieses Lösungswort wiederum auf ein Bild verweist, ist der „Röhrende Hirsch“ doch ein beliebtes, längst aus der ‚hohen’ Kultur in die Kitschkunst abgesunkenes Bildmotiv. Dadurch kehrt sich die Bild-Begriffs-Operation noch einmal um. Niedeckens Bild IST ein „Röhrender Hirsch“ (im Titel, als gelöstes Bilderrätsel) und ist gleichzeitig KEIN „Röhrender Hirsch“ (kein aus unzähligen Wohn- und Hotelzimmern wohlbekanntes Bild). Die Arbeit erneuert die thematische Vorlage, indem sie einen „Röhrenden Hirsch“ auf Photorealismusbasis präsentiert und für dessen Popularität (wie auch Pop-Appeal) durch den Rückgriff auf Lebensmittelreklamen sorgt.
Umrisslinien wie aus Glasur, Lebkuchenfarben und bunte „Nöppchen“ – Niedeckens „Zuckerguss-Bilder“ lösen sich von der formalen Strenge der photorealistischen Arbeiten zugunsten eines eher spielerischen Umgangs mit Farbe und Form.
„Die Beschaffenheit des Künstlers“ (1974) zitiert in Titel und Inhalt René Magrittes berühmte Bilder „La condition humaine“ (1933 und 1935). Vor einem Fenster, das vom Inneren eines Zimmers aus gesehen wird, steht ein Bild auf einer Staffelei. Es stellt genau den Teil der Landschaft außerhalb des Fensters dar, der vom Bild verdeckt wird. Für Magritte zeigt sich so die Welt: „Wir sehen sie außerhalb von uns selbst und haben doch nur eine Darstellung von ihr in uns“. Der Betrachter sieht sich mit zwei verschiedenen Realitätsebenen konfrontiert, Kategorien wie Zeit und Raum geraten ins Wanken. Magrittes Bilder sind Darstellungen des eigentlich Unmöglichen. Sie befreien das Denken von seinen Gewohnheiten und geben den Dingen ihr Geheimnis zurück. Und sie sind Reflexionen über Wahrnehmungsprobleme, darin erscheinen sie als Vorläufer des Photorealismus.
Auch die Bilder von Howard Kanovitz stellen die Realität als „Bewusstseins-Collage“ dar, in der sich Schein und Sein, Illusion und Wirklichkeit überschneiden. In „The Opening“ (1970) betrachten Besucher auf einer Vernissage ein Bild, das Besucher einer Vernissage zeigt. In „Composition“ (1971) ersetzt ein gemaltes Fenster das echte, ist der Ausblick ins Freie nur Schein. Insbesondere solche Bild-im-Bild-Darstellungen schärfen den Blick dafür, wie Bilder die Realität darstellen und sie dabei gleichzeitig verzerren. Es verwundert daher nicht, dass der Photorealismus das Genre des Atelierbildes reaktiviert, präsentiert dieses doch den Künstler unmittelbar bei der Arbeit und bei der Abbildung seiner Sicht auf die Welt. Vermeers „Der Maler und sein Modell“ (ca. 1665) kann als berühmtester Beitrag zum Genre gelten, es wird von den Photorealisten Malcolm Morley („Vermeer, portrait of the artist in his studio“, 1968) und John Clem Clarke („An American Vermeer“, 1970) als Vorlage für eigene Arbeiten gewählt.
Auch Niedeckens „Die Beschaffenheit des Künstlers“ ist solch ein Atelierbild, zu sehen sind ein Maler, sein Modell sowie auf einer Staffelei der künstlerische Ertrag ihrer Sitzungen. Das Bild steht zwischen dem Maler und dem Modell – die Abbildung verdrängt das Abgebildete, zudem erlaubt sie die Anreicherung mit Vorstellungen, Wünschen und Begehrlichkeiten. „Die Beschaffenheit des Künstlers“ signalisiert ein Vertrauen in die Kunst, die Wirklichkeit in Bewegung bringen zu können. Kunst ermöglicht das Überschreiten der Realitätsebenen und sogar das sonst verbotene Starren in das Dekolleté des (vom Maler zudem mit üppigeren Kurven ausgestatteten) Modells. All dies geschieht wiederum innerhalb eines Bildes, so dass sich das Bild-Abbild-Verhältnis verkompliziert: Der Bild-Betrachter wird zum Voyeur des Voyeurs, das Modell zur Abgebildeten in der Abbildung etc. Nicht nur die Darstellung verschiedener Wahrnehmungsschichten, auch die für Niedeckens Arbeiten unübliche Signatur mit ihrer Schreibfibel-Schönheit erinnert an die Bilder Magrittes. Diese sind ebenfalls – „Ceci n’est pas une pipe“ – Zeichen für die Freiheit des Denkens.
„Die Wörter und die Bilder“ – „Teach me tiger“ (1975) ruft Magrittes berühmte Abhandlung ins Gedächtnis: „Ein Gegenstand hängt nicht so sehr an seinem Namen, dass man für ihn nicht einen anderen finden könnte, der besser zu ihm passte“. Magrittes Bilder wie „La Clef des Songes“ erschüttern die scheinbar festgefügten, in Wahrheit jedoch rein konventionellen Beziehungen zwischen den Dingen und ihren Namen. Die im Surrealismus und vor allem im Werk Magrittes häufigen „poetischen“ Bildtitel verfolgen eine ähnliche Absicht. Sie zwingen Bezeichnung und Bezeichnetes in ein Spannungsverhältnis, etwa durch die bewusst ‚falsche’ Benennung des Bildes. „Teach me tiger“ spielt mit einer solchen „beziehungsvollen Beziehungslosigkeit“ (Peter Sager). Da das Leopardenfell in Zuckergussoptik augenscheinlich nicht zum angekündigten Tiger ‚passt’, eröffnet sich für den Betrachter ein nicht lösbares Hin und Her zwischen dem Bild und seinem Titel. In verwandter Form formuliert Niedeckens Arbeit „Wie wohr et dann enn Japan?“ von 1987 die nach einer BAP-China-Tour dem Künstler am häufigsten gestellte Frage; auch an Daniel Spoerris „Einen Rembrandt als Bügelbrett benutzen“ ist zu denken.
„Teach me tiger“ dokumentiert darüber hinaus erstmals Niedeckens Vorliebe für das Leopardenfell, das noch über dreißig Jahre später in gemalter oder besungener Form auf das Werk Bob Dylans verweist. Hier setzte sich letztlich das Bild gegen seinen Titel durch: Gegen Dylans „Leopard-skin pill-box hat“ blieb Marilyn Monroes gehauchtes „Teach me tiger“ ohne Chance.
„Kopfende“ (1975) betreibt ein lustvolles, hochironisches Ausloten und Überschreiten von Geschmacksgrenzen. Die konsequente Betrachtung der Welt als ästhetisches Phänomen hat Susan Sontag einmal als „Camp“ bezeichnet. Zu „Camp“ gehört die Gewissheit, dass es „einen guten Geschmack des schlechten Geschmacks gibt“ sowie die Liebe zum Übertriebenen und zum Übergeschnappten. „Kopfende“ kann als absichtsvoll hergestellte „Camp“-Kunst begriffen werden, als Kunst, die „nicht ernst genommen werden kann, weil sie ‚zuviel’ ist“ – anti-seriöse, übermütige Kunst. Geschlechtersymbole und Herzchen vor rosa bzw. hellblauem Hintergrund; zwei Rauten, die sich zu einer (eckigen) liegenden Acht vereinigen. Ein Hinweisschild fürs Ehebett, das die Unendlichkeit einer zur Harmlosigkeit verniedlichten Sexualität anzeigt. All das ungelenk gemalt wie von Kinderhand, wie auf dem alternativen Flohmarkt oder auf der Esoterikmesse gefunden, auf der Poesie mit Kitsch verwechselt wird. „Ich hatte mir vorgenommen, mit den Zuckerguß-Bildern möglichst unerträgliche Sachen zu malen. Das Schlimme ist, dass es mir gelang.“ Niedeckens Fazit bilanziert 1985 die geglückte Anwendung von „Camp“-Strategien zehn Jahre zuvor und eine „Entthronung des Ernstes“, deren (gewünschter) Effekt nicht zuletzt die Provokation war.
„Mein Beitrag zum Sieg“ (1975) bezieht entgegen dem ersten Anschein weniger Stellung in einer politischen als vielmehr in einer Kunst-Debatte. Hans Magnus Enzensberger hatte 1968 im berühmten „Kursbuch 15“ den ‚Tod der Literatur’ ausgerufen und literarische Texte gefordert, die sich ganz in den Dienst der politischen Sache stellen. Jörg Immendorff unternimmt zu Beginn der siebziger Jahre für die bildende Kunst einen ähnlichen Versuch, die ästhetischen Qualitäten einer künstlerischen Arbeit ihrem Gebrauchswert unterzuordnen. „Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege?“, lautet die Gewissensfrage. Als notwendig und richtig gilt allein noch jene bewusst kunstlose und primitive Malerei in Agitprop-Manier, die den Auszug des Künstlers aus dem Elfenbeinturm feiert und die davon träumt, die breite Masse mit einer politischen Botschaft zu erreichen.
1973 entstehen Immendorffs gegen die „USA-Aggression in Indochina“ gerichteten, grellbunt gemalten und mit erklärenden Bildunterschriften versehenen „Städtebilder“: Verbrüderungsszenen zwischen Künstlern und Arbeitern, Demonstrationszüge, Diskussionsrunden – und ein nächtliches Köln „im Zeichen der Aktivitäten des nationalen Vietnam-Komitees“ samt Rheindampfer und Domkulisse. Als unmittelbare Antwort auf dieses mit dem Ausruf „Alles für den Sieg des kämpfenden vietnamesischen Volkes!“ unterzeichnete Immendorff-Bild erscheint Niedeckens „Mein Beitrag zum Sieg“. Die Flagge der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams wird in bonbonfarbener, liebesperlenverzierter Gestalt zum Wandschmuck. Entlarvt wird so die Wirkungslosigkeit aller Agitprop-Bemühungen, führen diese doch nicht zu einer Forcierung des politischen Kampfs, sondern allein zu schlechter Kunst. Wer den Wert von Kunst nach ihrer unmittelbaren Wirksamkeit bemisst, urteilt nach Maßstäben eines Kosten-Nutzen-Denkens, das er anderswo als unmenschlich geißelt. Kunst handelt von einer anderen, besseren Praxis weit eher, wenn sie verfestigte Meinungen ins Wanken bringt und neue Möglichkeiten aufzeigt, ohne Handlungen vorzugeben. Reflexionen dieser Art anzustoßen ist Niedeckens „Beitrag zum Sieg“, der nicht als der geringste zu veranschlagen ist.
© Oliver Kobold, 2006
München, DVD-Award
Arabella Sheraton
Nachdem Holger vorgestern auf dem Flughafen von Malaga mein Auto inklusive Kühlflüssigkeitsproblematik übernommen hat, ging es für mich in bequemer Form nach München, wo ich mit BAP im Rahmen der „DVD Night 2006“ den Music Award erhielt.
Es war eine lustige Veranstaltung, vor allem weil ich bis zum Schluss keine Ahnung hatte (und genau genommen jetzt immer noch nicht), für welche Leistung wir / ich den Preis verliehen bekamen.
Peter Maffay hielt jedenfalls eine ungeheuer liebevolle und freundschaftliche Laudatio, bei der ihm allerdings fälschlicherweise der Begriff „Lifetime Achievement Award“ entschlüpfte. Ab da war mir vorübergehend klar, wieso mein komplettes Umfeld seit Wochen dieses Thema dermaßen beeiertanzt hatte.
Einen Preis für sein Lebenswerk bekommt man – meiner Überzeugung nach – nämlich erst, wenn man fertig ist. „Aha“, denke ich, „da ist der Hund begraben.“ Eine konspirativ angezettelte Aktion, die ich mit ziemlicher Sicherheit abgewählt hätte. „Deshalb hat man mich im Unklaren gehalten.“
Völlig falsch, der tatsächliche „Lifetime Achievement Award“ ging schließlich wenig später an den Regisseur Peter Schamoni, nachdem wir schon längst mit den Unplugged Versionen von „Dreimohl zehn Johre“, „Hurricane“ und „Du kanns zaubre“ das festlich gestimmte Auditorium ordentlich aufgemischt hatten.
„Hurricane“ wählte ich übrigens kurzentschlossen, weil der Mann von der zuständigen DVD-Firma, der vorher den Preis für Scorseeses „No Direction Home“ abholte, in uninformierter Weise Bob Dylan die Muddy Waters-Textzeile „A rolling stone gathers no moss“ unterjubelte (nach der sich bekannterweise die Stones benannt haben!!!).
Das schrie förmlich nach Richtigstellung und bot mir außerdem eine wunderbare Gelegenheit, Chuck Berry, der gestern seinen 80sten Geburtstag feierte, zu seinem Geburtstag musikalisch zu gratulieren. Eine rauschende Ballnacht, Bettruhe erst nach 3:00 morgens. Ob der Zeitumstellung hatte ich ja noch zwei Stunden gut.
Marokko-Tagebuch ("Fotos unter Fotoalbum
Fuengirola, „Hotel Las Piramides“
Mittags in Tanger losgefahren, habe mich für die Küstenstraße nach Ceuta entschlossen, was sich allerdings ziemlich schnell als Fehlentscheidung entpuppte.
Ab der Hälfte der Strecke entfällt die Beschilderung komplett, die Straßen werden von tieffliegenden Lastkippern brutal beherrscht, die irgendwelche Zutaten für die sich im Bau befindliche Küstenautobahn herankarren. Somit finde ich mich schließlich abseits der geplanten Route im höchstmöglichen Gebirge zwischen wolkenumwaberten Windenergiemühlen wieder, wo mir obendrein auch noch der Sprit auszugehen droht und eine digitale Schrift mich darauf aufmerksam macht, ich solle den Motor abstellen, die Kühlflüssigkeit sei zur Neige gegangen.
Diverse Schweißausbrüche später erreiche ich überglücklich die Grenze und absolviere mit der notwendigen Gelassenheit einen Slalomparcours durch sämtliche achtundzwanzigtausend Schwachsinnsformalitäten (inklusive zweimaliger Durchsuchung des gesamten Familiengepäcks, nebst sperrigster Mitbringsel). Mit dem letzten Tropfen Benzin hoppele ich vor die Zapfsäule der ersten Tankstelle auf spanischem Boden.
Von hier aus fahre ich ohne anzuhalten zum Hafen auf die nächste Fähre nach Algeceiras, auf der ich mir anhand der spanischen Straßenkarte Gedanken über meine letzte Nacht vor Malaga mache.
Mir fällt Fuengirola auf, ein Ort, von dem aus mir meine Mutter vor vielen Jahren Urlaubspostkarten geschickt hatte. Nix wie hin und auf Mamas Spuren wandeln!! Um es kurz zu fassen: Fuengirola ist so was wie das Benidorm der Briten. Englisch ist vermutlich die Amtssprache und die Küste ist in einem Ausmaß zubetoniert, wie man es nicht für möglich hält.
Checke im Hotel „Las Piramides“ ein (tsunamisicheres Zimmer mit Meerblick auf der siebten Etage), verzehre eine eigentlich ungenießbare Mahlzeit in einem indischen Restaurant (das von einem allerdings sehr netten Pakistani betrieben wird) und beschließe den Abend, ungezählte senegalesische Händler mit raubkopierten DVD abwimmelnd, in einer Sportsbar, in der auf zwei Großbildschirmen zeitgleich die Champions League-Begegnungen Manchester : Kopenhagen und Celtic : Benfica Lissabon übertragen werden.
Marokko-Tagebuch
Tanger, Hotel Valencia
Habe kurzentschlossen noch zwei Nächte Essaouira drangehangen, weil aus den Gedanken meiner nächtlichen Rückfahrt offensichtlich ein Songtext werden wollte. Das Lied hätte endlos viele Strophen bekommen können, dermaßen viele Eindrücke unserer, nach vielen Jahren endlich einmal wieder gemeinsamen Marokkoreise, lagen als Stichwörter bereit.
Herausgekommen ist lustigerweise eine Art Fortschreibung von „Ich wünsch mir, du wöhrs he“ und „Für Maria“. Die Musik dazu war mir auf dem Dach des Hotel Salam in Taroudant eingefallen, nachdem ich Magdalena „Every Grain of Sand“ vorgespielt hatte.
Das Jack’s Kiosk-Appartement No. 8, das ich noch nicht kannte, weil es sich - zwanzig Meter weiter - im Haus des Bilderrahmenmachers befindet, ist wie geschaffen, um diesen Songtext zu schreiben.
Verlasse das Haus nur noch zu den Mahlzeiten. An beiden Abenden lädt mich Charif zum Ramadan-Frühstück ein. Zunächst in die winzige anderthalb Zimmerwohnung, die er sich mit seinem verwitweten Vater und seinem zwölfjährigen Bruder teilt, und dann in einen noch winzigeren Laden, unter Einbeziehung sämtlicher benachbarter Kollegen. Irgendwie erinnert mich diese Szenerie an meine Kindheit, als auf dem ersten Stück der Severinstraße noch jeder jeden kannte.
Gestern morgen bin ich dann endgültig weitergefahren und kurz nach Sonnenuntergang in Tanger angekommen. Ein halbwegs sauberes Zimmer im „Hotel Valencia“, direkt am Hafen („Where the sailors all come in“), das definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat.
Abendessen nebenan, ein Bummel durch die Medina und im Bett danach den zweiten Teil von Ilija Trojanows „Weltenbummler“ zu Ende gelesen. Auch dafür gibt es kaum besser geeignete Orte als diesen hier, Kairo und Mekka einmal ausgeschlossen.
Marokko-Tagebuch
Essaouira, Chez Ben Mustafa
Es ist 8:00 morgens, und soeben bin ich vom Flughafen Agadir, von wo aus meine Mädels um 6:00 über Casablanca zurück in die Heimat geflogen sind, wieder in Essaouira angekommen. Zwei Nächte hatten wir hier gemeinsam verbracht, bevor wir uns für die letzte, kurze gemeinsame Übernachtung nach Taghazoute aufgemacht haben.
Der Knaller war diese Idee dann zwar doch nicht, vor allem weil wir uns einem aggressiven Schlepper zu erwehren hatten. Aber eine bessere Idee gab es nun mal nicht. Der Flughafen liegt zwar deutlich außerhalb am gegenüber liegenden Stadtende. Aber weit und breit gibt es kein halbwegs zumutbares Hotel.
Konsequenz: Beim nächsten Mal entfällt einfach diese dämliche Umsteigerei in Casablanca, und alles ist paletti. Nichtsdestotrotz hatten wir erneut eine phantastische Zeit in Essaouira. Das volle Programm: Leergekauftes Souk, Hennatätowierte Töchter, Abendessen im Chez Sam am Hafen (dem für mich besten Fischrestaurant worldwide) und gleich gehe ich mir bei „meinem“ Schneider drei neue maßgeschneiderte Bühnenhemden abholen.
Bin mal gespannt, welche grau-schwarzen Djellaba-Stoffe der Meister diesmal miteinander kombiniert hat. Dem netten, inzwischen leider ziemlich fertigen Maler Asman Said, an dessen teilweise sehr eigenständigen Bildern ich jetzt schon seit Jahren auf dem Weg zu Jack’s Appartements vorbeikomme, kaufe ich endlich mal eine seiner Arbeiten ab.
Merkwürdigerweise habe ich allerdings auch diesmal Abdelillah, den Pantoffelhändler und Dylan-Freak, nicht in seinem Laden angetroffen. Seine Nachbarn (u.a. „mein“ Schneider) erklären mir grinsend, A. nehme den Ramadan, besonders das nächtliche Fastenbrechen äußerst genau, weshalb er den jeweils darauf folgenden Tag zum Schlafen brauche. Werde deshalb wohl die heute noch anstehenden Einkäufe der sperrigen Sorte mit Charif dem Schmuckhändler absolvieren müssen, bevor ich mich morgen früh in Richtung Ceuta aufmache, um spätestens Mittwochmorgen wieder nach Europa überzusetzen.
Marokko-Tagebuch
Marrakech, Riad Noga
Nach einer letztendlich doch zu langen Autofahrt, inklusive Tizi-n-Tichka (Tichka-Pass)-Überquerung, erreichen wir gegen 21:00 Marrakech. Erfreulicherweise finden wir ohne große Sucherei den Weg in die Medina zum Riad (Stadthaus). Im Noga hat man zwar für die erste Nacht kein Zimmer mehr für uns, besorgt uns aber eine Übernachtung im neuen, sehr empfehlenswerten, sogar preiswerteren Riad Boussa.
Es folgen zwei entspannte Tage und Nächte in Gabriele Noack-Späths „Riad Noga“. Immer wieder unfassbar, dass es inmitten dieses teilweise doch ziemlich angeranzten orientalischen Getümmels solche Paradiese gibt. Natürlich mache ich mich auch diesmal wieder auf den Weg in den Souk El Hadddine, wo hauptsächlich kunstvoll verschnörkelte Fenster und Türgitter angefertigt werden.
Eigentlich bloß eine heiße, rußige und staubige Hölle mit reichlich Kinderarbeit. Wäre da nicht Ahmed Joudai mit seinen zu kleinen Blech-Cutouts verarbeiteten Träumen, von denen inzwischen etliche in meinem Kölner Arbeitszimmer gelandet sind. Mittlerweile kennt er mich, wodurch der mir immer noch sehr lästige Handel entfällt.
Erfreulicherweise bin ich in den letzten Tagen endlich mal dazu gekommen, Bob Dylans „Chronicles“ noch einmal in Gänze zu lesen. Hatte schon wieder einiges vergessen und muss leider sagen, dass ich da bezüglich meiner verkürzten Lesungsfassung noch mal ran muss. Diese von Wolfgang Stockmann zusammengestellte Version ist an einigen Stellen definitiv sinnentstellend. Ganz zu schweigen von all dem, was man nun wirklich nicht in ein noch so abendfüllendes Programm packen kann.
Marokko-Tagebuch
M’Hamid
Nach vier Nächten fahren wir über die Teppichkooperativen-Stadt Tazenakth und das marokkanische Hollywood Ouarzazate weiter nach Tamnougalt bei Agdz. Hier in der Nähe, im palmenumsäumten Draa-Tal kehren wir für zwei Nächte im Hotel „Kasbah Itrane“ ein.
Faruk, der dieses Hotel seit sechs Jahren mit seinen Freunden aufbaut, hier wo Bertolucci Teile seiner Paul Bowles-Verfilmung vom „Himmel über der Wüste“ gedreht hat, lädt uns zum Ramadan-Abendessen bei seinen Eltern in Agdz ein. Auch hier große Wiedersehensfreude.
Die schlechte Nachricht ist die, dass sich der Fluss Draa, von dem die komplette Landwirtschaft abhängt (vor allem die Dattelpalmen-Plantagen), erneut um einige Kilometer verkürzt hat. Es regnet seit Jahre einfach zu wenig. Und der Fluss versiegt mittlerweile etliche Kilometer. An Stellen, wo ich noch vor Jahren auf Felsen sitzend den im klaren Wasser schwimmenden Fischen zugesehen habe, finde ich nur noch staubtrockenes Geröll vor. Die Folgen des globalen Klimawechsels werden mir hier so anschaulich wie bisher noch nirgendwo vor Augen geführt. Spätestens wenn auch in China jeder Haushalt über ein eigenes Auto verfügt, wird sich die Wüste das komplette Draa-Tal einverleibt haben.
Mit Faruk fahren wir von Tamnougalt aus bis in die Sandwüstenlandschaft von M’hamid, wo wir uns für eine Nacht in die Obhut einer mit ihm befreundeten Nomadenfamilie begeben: Kamelreiten, Lagerfeuerromantik und Übernachtung im Berberzelt inklusive.
Muss sagen, dass dieses Asphaltstraßenende definitiv das von Rissani mit den Merzouga-Dünen übertrifft. Bin sehr froh, das ich das Alles endlich mal meinen Mädels zeigen kann. Der Wunsch aus „Ich wünsch mir, du wöhrs he“ ist also endlich (sogar in der Mehrzahl „... ihr wört he“) in Erfüllung gegangen.
Marokko-Tagebuch
Taroudant, Hotel Salam
Ganz so easy läuft das dann aber doch nicht: Kaum befinde ich mich im Verkehrsgewühl Agadirs, ruft Tina an um mir mitzuteilen, dass man den Anschlussflug in Casablanca um zwei Minuten verpasst habe. Der nächste gehe erst in sechs Stunden.
Fahre also schon mal nach Taroudant, ergattere in meiner Eigenschaft als Stammgast eines der über zwei Etagen gehenden Turmzimmer im Neubauteil (Zimmer 606) und richte alles schon mal so ein, dass unsere Prinzessinnen nach ihrem Ätztripp doch noch halbwegs weich landen.
Um 4:00 MEZ, auf die sie ja noch geeicht sind, liegen sie schließlich im Bett. Letztendlich bleiben wir hier vier Nächte. Irgendwie muss das sein, schließlich fällt uns kein Hotel ein, dass es in Punkto Exotik und Romantik mit diesem aufnehmen kann, ohne in’s Dekadente abzurutschen.
Im Garten des Salam und in der Umgebung von Taroudant hatten wir vor 13 Jahren mit Rudi Dolezal Teile des „Paar Daach fröher“- Videos gedreht. Tina war damals im fünften Monat mit Isis schwanger.
Marokko-Tagebuch
Taghazoute
Nach einer dann doch länger geratenen Fahrt – hatte weder Lust auf eine Nacht in El Jadida noch auf eine in Oualidia – bin ich vorgestern gegen 19:00 in Essaouira angekommen.
Dummerweise befinden sich ob des Ramadans (Fastenmonat) auch die Betreiber von Jack’s Kiosk, wo ich mir normalerweise mein Appartement anmiete, um diese Zeit beim verdienten Abendessen. Hänge also anderthalb Stunden gegenüber im Café France ab, besuche Fatimas Familie auf der Kanonenmauer (große Wiedersehensfreude) und schätze mich glücklich, um 22:00 endlich unter die Dusche und danach in’s Bett zu kommen.
Komatöser Schlaf. Es folgt ein Tag in vertrauter Umgebung. Fast nebenbei schreibe ich einen Text auf ein Demo von Helmut. Eine weitere Tiefschlafnacht folgt. Und jetzt sitze ich in diesem Surfer-/Fischerdörfchen, 17km von Agadir, wo ich in einigen Tagen auf meine Mädels hoffen darf.
Marokko-Tagebuch
Autoroute Kenitra-Rabat, Oasis-Café
Was dem Hellmän und mir beim vorletzten Tripp in Moulay-Idriss passiert ist, findet diesmal in Chefchaouen statt: Der König und sein Tross werden in der Stadt erwartet. Kein besonderer Anlass, einfach so. „Le roi aime Chefchaouen“, erklärt man mir.
Natürlich sind sämtliche Hotels mit irgendwelchen Honoratioren, Beamten und Securitée-Leuten belegt. Ich kann froh sein, vor lauter Hofstaat überhaupt noch ein Zimmer zu bekommen; wenn auch nicht im Hotel Parador mit der unfassbaren Aussicht, auf die ich mich den ganzen Weg über gefreut habe.
Rote Fahnen mit grünem Stern wohin man auch schaut, und hinter Absperrgittern am Straßenrand bereitstehende Jubler mit Papierfähnchen. Hatte mich zwischen Ceuta und diesem hübsch verschlafenen Bergstädtchen schon über die Polizei und die Flaggendichte gewundert; überhaupt sah alles ungewöhnlich ordentlich und herausgeputzt aus.
Den Nachmittag und den Abend verbringe ich in der Medina, beschließe aber, nur eine Nacht hier zu verbringen: Es ist definitiv zuviel los in Chefchaouen. Heute Morgen stelle ich allerdings fest, dass der König offensichtlich auch geruht weiterzureisen: Und die wahren Dimensionen dieses Unterfangens werden mir erst auf dem Weg nach Ouazzane bewusst.
So passiere ich kurz hinter der Ortsausfahrt ein riesiges Feld voller Helikopter und diverser Militärcamps: ich glaube fast, ich befinde mich im Manöver. Das Flaggentheater setzt sich fort. Unmengen von Traktoren und LKWs mit vor lauter herangekarrten Jublern schier berstenden Anhängern fahren vorbei. Aber das Chaos ist erst perfekt, als eines dieser ungezählten Fahrzeuge ob des Gedränges vollbeladen in eine Böschung kippt. Jegliche Verkehrsordnung ist dahin. Jeder drängelt jeden von der Asphaltspur. Und Herren von der Polizei, die sich ansonsten an jedem Ortseingang so gerne pfauenartig aufbauen, kriegen absolut nichts mehr auf die Reihe.
Es dauert gut eine Stunde, bis ich an der, einem Ameisenhaufen ähnelnden Unfallstelle vorbei bin. Wer sich auskennt, entflieht über Feldwege. Abenteuerlichste Aktionen finden statt: keine Ahnung, wie der Rettungswagen schließlich zu den Verletzten durchgedrungen ist.
Ich erlebe eine filmreife Szene. Am meisten berühren mich jedoch diese armen, jubelbereiten Menschen mit ihren Papierfähnchen, die in ihren Festtagsklamotten schicksalsergeben und in sengender Hitze auf den Anhängern ausharren, um ihren König zu sehen.
Eigentlich kann ich gar nicht richtig glauben, dass die Verehrung wirklich so groß ist, dass die hiesige Bevölkerung anscheinend keinerlei Widerspruch zwischen ihrer Armut und dem augenscheinlichen Aufwand einer solchen königlichen Landpartie macht. Andererseits hört man immer wieder, der junge Regent mache endlich Ernst mit der Korruptionsbekämpfung. Und solche Reisen durch sein Land seien in erster Linie dazu da, Präsenz zu demonstrieren.
Wie dem auch sei, hinter Ouazzone trennen sich offensichtlich unsere Wege. Denn ab hier sieht alles wieder aus wie gewohnt: Mülltüten flattern fröhlich an Stacheldrahtzäunen. Öffentliche Gebäude warten weiterhin auf ihren dringend benötigten Anstrich. Das Fahnenmeer hat sich bis auf weiteres zurückgezogen.
Irgendwie muss ich an die ehemalige DDR denken, in der sich Genosse Honecker auch nur zu allzu gerne durch potemkinsche Städte hat chauffieren lassen. Der realsozialistische Begriff „Winkelelemente“ meldet sich wieder.
Marokko-Tagebuch
Algeciras, Hafen
Vorgestern erst gegen 11:00 losgekommen, erste Übernachtung in der Camargue, Aigues Mortes (Hotel Canal): ein schönes mittelalterliches Städtchen. Zur Hauptsaison geht es hier vermutlich ab wie auf dem Drachenfels.
Die Zeitung mit dem Spielbericht „1. FC Köln gegen Essen“ (Das 1:0 habe ich mir am Montagabend noch gegönnt.) liegt den ganzen Tag über unberührt auf meinem Beifahrersitz, komme erst im Bett dazu sie zu lesen. Für die Fahrt hatte ich mir ohnehin vorgenommen, etwas zu tun, wozu mir sonst immer die Zeit fehlt. So konnte ich Bob Dylans Studioalben – vom ersten bis zum soeben erschienenen – konzentriert hintereinander durchhören.
Verlasse also Köln zu den Klängen seines ersten Albums von 1961 und erreiche die Fähre tatsächlich mit den Klängen des vorletzten Albums, dem am Nine-Eleven erschienenen „Love and Theft“. Das aktuelle Album wird mir später die Fahrt nach Chefchaouen versüßen, wo ich die erste Nacht verbringen will.
Für das Gebagger in Tanger habe ich diesmal keinen Nerv. Gestern Abend musste ich mich regelrecht zwingen, zwischen Granada und Malaga anzuhalten, hätte mühelos noch die letzte Fähre erreichen können. Aber was will ich um Mitternacht in Ceuta? Ich nehme mir also ein Zimmer in einem Fernfahrerhotel, wo ich sogar noch das Champions League Spiel „Bremen – Barcelona“ (1:1) geboten bekomme.
Jetzt ist es Punkt 12:00, und ich sitze mit einem Styroporbecher Milchkaffee in der Cafeteria der Express-Fähre. Der berühmte Felsen von Gibraltar lässt schön grüßen, und endlos viele Geschichten von Überfahrten aus tausendundeiner Marokkoreise drängen sich in mein Bewusstsein. Stift weglegen und die aktuelle Überfahrt genießen: die Gegenwart zählt.
Nordenham - Stahlhalle
Aufwachen im Wesertunnel kurz vor Nordenham. Zehn Minuten später fährt der riesige Nightliner vor dem „Hotel am Markt“ vor. Wir checken ein, frühstücken und widmen uns körperhygienischen Fragen. Mein persönlicher Versuch, noch eine Mütze Schönheitsschlaf nachzulegen, scheitert. Nehme mir mein Buch und breche bei phantastischem Wetter zu einem Spaziergang am Weserstrand auf. Der Fluss ist hier mindestens doppelt so breit wie der Rhein. Segelschiffe kreuzen, Containerschiffe ziehen vorbei, der Horizont ist makellos gerade, wie mit dem Lineal gezogen. Flachland.
Schräg links gegenüber, das muss Bremerhaven sein, wo wir zuletzt 82/83 gespielt haben. Seitdem sind diese Städte immer zugunsten von Bremen und teilweise auch Oldenburg ausgelassen worden. Um 17 Uhr fahren wir zum Soundcheck mit anschließendem Abendessen in die sogenannte „Stahlhalle“ der Firma Louis Müller, wo sich der Chef mit diesem Konzert einen lange gehegten Traum erfüllt. Er hat von langer Hand die Bestände seiner Lagerhalle so sortiert, dass hier an diesem Samstag das bislang größte Konzert stattfinden kann, das Nordenham jemals erlebt hat.
Kein professioneller Konzertveranstalter, sondern eine komplette Firma, die ansonsten Handel mit Metall betreibt, gibt sich allergrößte Mühe, etwas unvergessliches auf die Beine zu stellen. Was ihnen auch tatsächlich gelingt.
Wir spielen ein leicht gekürztes Set, weil es durch die Vorgruppe „Manx“ , die sich – wie man uns sagt – für diesen Gig eigens reformiert hat, schon 22 Uhr ist, bevor wir die Bühne betreten. Alles funktioniert wie gewohnt, spielen dann doch zwei Songs mehr als geplant. Ganz zum Schluss „Hungry Heart“ heute natürlich als Geburtstagsständchen, schließlich wird der Boss heute 57. Alter Sack!
Besonderen Spaß macht mir heute „Rövver noh Tanger“. Kunststück, denn schließlich werde ich in der kommenden Woche endlich wieder einmal alleine die besungene Strecke fahren, bevor ich dann am nächsten Sonntag meine Mädels am Flughafen in Agadir einsammle um zwei Wochen mit ihnen zusammen durch Marokko zu ziehen. Eine gewisse Vorfreude macht sich bemerkbar.
Heilsbronn - Kulturfest
Direkt nach dem Frühstück machen wir uns in entspannter Form auf den Weg ins Frankenland, wo Didi und ich diesmal sogar noch vor dem Ausladen des Trucks eintreffen. Man hat für das dreitägige Kulturfest ein ansehnliches Zirkuszelt aufgebaut und wie es aussieht, wird die Chose äußerst liebevoll von ehrenamtlichen Überzeugungstätern organisiert.
Während und nach dem Aufbau bleibt noch ausführlich Zeit, sich in den Schatten zu verziehen, zu lesen und ein paar Gedanken zur Tourfortsetzung Ende November auszutauschen.
Leider kommen Helmut, Werner und Holger ob einer weiteren Panne zu spät, so dass sich der Soundcheck und das anschließende Abendessen notgedrungen nach hinten verschieben. Was ich allerdings gar nicht bemerke, weil meine Uhr stehen geblieben ist. Komme erst kurz vor Showbeginn dahinter. Somit habe ich das anschließende TV-Interview und das meet & greet Treffen wenigstens relaxed absolviert. Hatte mich auch schon gewundert, wieso alle um mich herum ab einem bestimmten Zeitpunkt so hektisch wurden.
Spielen ein makelloses Konzert: Danach noch ein Stündchen Wartezeit bei einem mitternächtlichen Imbiss, bevor es mit unserer dann auch reisebereiten Crew in den Nightliner geht, der uns über Nacht im Schlaf nach Nordenham an die Wesermündung bringen wird.
Bevor es in die Kojen geht kommt es zu einer spontanen Beatles-Listening-Party, die vor allem Jürgen in vollen Zügen genießt. Unfassbar, wie textsicher der Kerl bei diesen ersten vier Alben ist (Please, please me; With the Beatles; Beatles for sale; A hard days night). Immerhin sind die Dinger mittlerweile über 40 Jahre alt und so oft dürften wir alle sie im Verlauf der letzten 30 Jahre nicht mehr gehört haben.
Hatte sie für Achim mitgebracht, damit er daraus eine Einlass-CD für die Wintertour zusammenstellt. Die Idee ist, das Publikum mit lauter Beatles-Songs aus dieser Zeit einzustimmen, bevor sich die Beatles, von Bob Dylan beeinflusst, auch in Sachen Text auf ein höheres Level begeben haben. Bis dahin hatten sie genau genommen harmlose Schlagertexte gesungen, was wir allerdings in unserer damaligen Beatle-Mania schlichtweg überhört haben. Umso mehr Spaß macht dann allerdings viele Jahre später ein solche, teilweise auch äußerst erhellende, spätnächtliche Listening-Party.
Frankfurt - Batschkapp
7. Come Together Festival
Von Bad Nauheim nach Frankfurt ist es nur ein Katzensprung, trotzdem geht es ins Paralleluniversum: Vom Kurhotel in einen der urigsten und gestandensten Rock’n’Roll-Schuppen des Landes.
Seit meiner „Immer weiter“-Lesung vor ca. 2 Jahren bin ich nicht mehr hier gewesen. Bei unserer viel zu frühen Ankunft dünstet der Laden noch die Strapazen der vergangenen Nacht aus. Die angelieferte Projektionswand ist etwa doppelt so groß wie sie sein dürfte, und die netten Leute von der Batschkapp-Crew mühen sich aufopferungsvoll mit dem Teil ab bis sie einsehen, dass eine kleinere her muss.
Von den Satisfactory-Leuten vor und mit denen ich heute Abend hier auftreten werde, ist auch noch keiner am Start: Somit beschließe ich, mich mittels S-Bahn in die City zu begeben. Meine Ratlosigkeit vor den hiesigen Ticketautomaten (nur auf dem Bahnsteig und nicht wie in Köln in der Bahn selbst!) ist dermaßen offensichtlich, dass mir nette Frankfurter mit Rat und Tat zur Seite eilen und ich sowohl heil wie auch pünktlich zum Soundcheck zurück bin.
Das 7. Come Together Festival wird wie seine sechs Vorläufer von der Behindertenhilfe Hessen organisiert und bringt äußerst erfolgreich behinderte mit nicht behinderten Musikern zusammen. Die Band „Satisfactory“ ist ebenso zusammengesetzt und präsentiert bei ihren Veranstaltungen jeweils einen überregional bekannten Gast bzw. eine ganze Band (Konstantin Wecker, Virginia Jetzt, Wir sind Helden, Badesalz u.v.a.), deren Programme dann jeweils nahtlos in das von „Satisfactory“ übergehen.
Leicht problematisch ist heute die Tatsche, dass das restlos ausverkaufte Auditorium unbestuhlt ist und ich demnach zum ersten Mal gezwungen bin, das Chronicles-Programm vor stehendem und von daher naturgemäß unruhigerem Publikum darzubieten. Aber zu einem wirklichen Problem wird das nicht, denn die ganze Grundatmosphäre ist von vorne herein äußerst freundschaftlich. Von daher ist es auch keine große Sache, dass sich mitten im ersten Song meine Gitarre verabschiedet. Offensichtlich ein Buchsenwackelkontakt. Gut, dass ich eine Ersatzklampfe bereit stehen habe.
Lese die Chronicles-Passagen heute etwas „märchenonkelhaft“ pointierter als üblich. Vor allem lauter, weil sich zu allem Übel auch noch das hiesige Ansteckmikrophon als heikel erweist. Irgendwie macht das alles aber rein gar nichts. Im Gegenteil: nach „Man in the long black coat“ hole ich die Band auf die Bühne und wir singen vor meinem Abgang gemeinsam „Like a rolling stone“.
Es folgt ein beeindruckendes Rock’n’Roll-Konzert ohne jeglichen Anflug von Betroffenheitspathos. Das ist vor allem der hauptamtlichen Rodgau Monotones-Sängerin Kerstin Pfau zu verdanken. Bewundernswert, mit welcher Power, Liebe und Einfühlsamkeit sie die Kapelle durchs Nadelöhr bringt und nebenbei singt, als sei Janis Joplin wieder auferstanden. Zur Zugabe (Honky Tonk Women) komme ich schließlich noch einmal dazu.
Ein beeindruckender Abend geht zu Ende. Mir unvergessen bleibt der autistische Percussionist, dem ich beim Soundcheck gezeigt hatte, wie das mit der Kuhglocke bei diesem Song läuft. Auch spät nachts erwischt er instinktiv sämtliche Off-Beats; als hätte er schon seinerzeit die Original-Version der Stones veredelt.
Auch wenn man das nicht mehr wirklich beweisen muss - heute habe ich ein weiteres Mal erleben dürfen, wie Musik Schranken abbauen und Menschen miteinander verbinden kann.
