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Samstag, 21.Dezember 2013, bis Dienstag, 31.12.2013 – Köln / Hamburg / Berlin

Sonntagmittag fliege ich nach Hamburg, wo Fisch, Anne und Ulle bereits im NDR-Studio für die Sendung „DAS!“ aufgebaut haben. Diesmal spielen wir eine weitere Live-Version von „Zosamme alt“, nämlich mit Anne an der Geige und Ulle and er elektrischen Gitarre. Eine angenehme Vorabend-Magazin-Sendung, mit reichlich Gesprächsbedarf und einer sympathischen Bettina Tiedjen als Moderatorin. Danach gibt es bei Anne und Ulle zuhause Spaghettis, bevor wir uns gemeinsam mit den ausgewählten Songs für die „.. zieht den Stecker-Tour“ befassen. Kleinere Umstellungen, Streichungen, Tonart-Änderungen, aber vor allen Dingen Arragement-Ideen werden ausgetauscht. Fühlt sich alles optimal an, am liebsten würden wir schon morgen mit den Tourproben beginnen.

Montagmorgen zurück nach Köln und hier geht es dann definitiv in die Weihnachts-Zielgerade: Die letzten Geschenke, Weihnachtsbaum etc. besorgt, bis es dann tatsächlich weihnachtet. Alles entspannt, auch wenn so richtig keiner mehr auf dem Schirm hat, welcher Wochentag es denn nun eigentlich ist, da die Festtage mitten in die Woche fallen. Diese Phase fühlt sich jedenfalls an wie ein endloses Wochenende, nur unterbrochen von verkaufsoffenen Tagen.

Freitag und Samstag bin ich dann zu Gast bei den beiden „Gentleman“-Gigs im Kölner Palladium. Auch schon wieder ewig her, dass wir hier mit BAP die ersten Nachhol-Konzerte nach dem Schlaganfall gespielt haben. Irre, was seitdem schon wieder alles passiert ist. Gentleman feiert im Palladium mit diesen zwei Shows sein 20jähriges Bühnenjubiläum. Am ersten Tag ist der Fokus auf’s erste Jahrzehnt ausgerichtet und am zweiten Tag dann auf’s zweite. Einige Songs werden an beiden Abenden gespielt, auch Bob Marley’s „Redemption Song“, den ich mit ihm ganz alleine jeweils am Schluss zelebriere. Zwei unvergessliche Abende mit einer gnadenlos groovenden Band und einem wunderbaren Publikum. Muss wiederholt daran denken, wie ich vor ca. zweieinhalb Jahren zum ersten Mal von Clueso eingeladen wurde, vor einem Publikum zu spielen, das ein Drittel so alt wie ich war. Damals wurde ich dann doch noch kurzfristig nervös, heute weiß ich einfach, dass für viele dieser Youngsters „Respekt“ keine Worthülse ist.

Am Sonntagsabend dann mit der kompletten Familie ins Odeon Kino auf der Severinstrasse um den neuen Coen-Brüder-Film zu sehen: „Inside Llewyn Davis“, eine Zeitreise ins die frühen 60’er ins New Yorker Village, als Bob Dylan noch einer von vielen allabendlich in Cafés spielenden Folksinger war. Natürlich ist dieser Spielfilm wieder mal so lakonisch geraten, wie man es von den Coen-Brüdern gewohnt ist. Sollte man unbedingt sehen, es sei denn, man steht doch eher auf Hugh Grant.

Montagmorgen fliege ich dann doch nochmal nach Berlin, um im Valicon-Studio die neue Nummer für das Maschine-Soloalbum einzusingen. Klappt hervorragend, obwohl wir beide nur auf ein relativ rudimentäres Playback singen können. Es besteht bisher lediglich aus Schlagzeug, Bass und einer akustischen Gitarre, aber es reicht, wenn man genug Phantasie mitbringt um sich die elektrischen Gitarren vorzustellen, die der Kollege Hasbecker von Silly da noch beisteuern wird. Maschine und ich haben jedenfalls Spaß und der Text passt wie Faust auf’s Auge. Wer hätte das vor dreißig Jahren gedacht?! Noch eine kleine Geschichte aus diesem Zusammenhang: Im Hamburger NDR-Studio letzte Woche bei „DAS!“, arbeitete ein Kameramann, der als Jungspund vor dreißig Jahren in der Magdeburger Hypaschale bei „Rund“ assistiert hatte. Er erzählte mir, dass ich damals meine Lederjacke, die bei den Proben verschlossen war, zur Sendung geöffnet hatte und darunter ein T-Shirt mit einer herausgestreckten Stones-Zunge mit Stars & Stripes-Muster zum Vorschein kam. Über dieses T-Shirt hatte ich mir all die Jahre keine Gedanken gemacht, aber vor allen Dingen war es nie als Provokation gedacht gewesen. Trotzdem hatte die „Klassenfeind“-Stoneszunge innerhalb der Redaktion für ordentlich Wirbel gesorgt und von da an für entsprechende Maßnahmen gesorgt. Irgendwie sorgt der Zufall in der Tat für allerlei realsatirische Verstrickungen: Von mir wollte man hören, dass die SS 20-Friedensraketen und die Pershings Kriegsraketen seien und ich trage ein T-Shirt, auf dem Amerika die Zunge rausstreckt. Wie sowas bei den verkrampften realsozialistischen Gralshütern angekommen sein muss, kann ich mir inzwischen sehr gut vorstellen. Aber damals konnte ich mich in der artigen Scheiss überhaupt nicht reindenken. Letztendlich hat Keith Richards mit seiner Behauptung Recht, nach der Jeans und Rock’n’Roll die Mauer zum Einsturz gebracht haben.