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Rio Gallegos

Was wir gestern Abend auf jeden Fall schon mal festhalten konnten, war, dass wir uns zu wenig Zeit für unseren Chile-Ausflug genommen haben. Von „Terra Luna“ aus sind wir nämlich noch mit großen Augen durch paradiesische Andenlandschaften gefahren, ohne überhaupt die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, auch mal lediglich 3 Stunden an einem Tag im Auto zu sitzen. Stattdessen absolvierten wir Deppen dieses einmalige Tal des Rio Baker als hätten wir irgendwo pünktlich an einer Stechuhr anzukommen. Unverzeihlich!

Ebenso der nächste Teil über eine menschenleere Hochebene bis zur „Entrada Baker“, einem mit Vorhängeschloss „abgesicherten“ Grenzübergang, zurück nach Argentinien. Ein armseliger, überaus netter Kerl sitzt da in seiner Amtsstube und wartet auf rare Kundschaft. Danach erst mal ausführlich Niemandsland und die argentinische Abfertigungsstelle ist prompt ebenso verwaist. Nach sorgfältiger Recherche gelingt es uns, drei offensichtlich wehrdienstleistende Jungs in ihrer Unterkunft aufzuspüren und zu unserer Abfertigung zu bewegen.
Auch diese Aktion ist wieder von großer Freundlichkeit geprägt, nichts steht der letzten Etappe, zurück nach Los Antiguas am Lago Buenos Aires mehr im Wege. Außer einer weiteren atemberaubenden Wegstrecke durch ein Gebiet, in dem wir – ungelogen – so hoch geraten, dass wir uns im Schnee wiederfinden. Hier eine Reifenpanne oder Schlimmeres käme echt Scheiße, einigen wir uns, und sind schließlich glücklich ohne solche am See anzukommen und uns in ein total leeres Hotel am Ufer einquartieren zu können. Natürlich sind wir neugierig, wie es denn wohl, nachdem wir diese Berglandschaften gecheckt haben, an der patagonischen Atlantikküste ausschaut.

Also nix wie auf nach Puerto Desado (Port Desire!). Kilometerfressen ist angesagt, aber heute erfreulicherweise mal mehr Asphaltstraße als Piste. Flach wird’s, wie mit dem Lineal gezogene Straßen von Horizont zu Horizont und rechts und links Pampa in trockenster Form. Aber Bruce Springsteen singt für uns, und letztlich passt alles perfekt, auch wenn das der herbere Teil des Trips ist. In der Gegend von Las Heras bekommen wir nebenbei eine Vorstellung davon, was es heißt, in der Erdgas bzw. Erdöl-Förderung zu malochen. Wüst zusammengefummelte Arbeiterunterkünfte, Müllhalden, Fastfood-Buden, Bars und Puffs, aber vor allem die gnadenlose Sonne und der nie nachlassende patagonische Wind. Großes Kino für uns, die wir genug Pferdestärken unter dem Arsch haben, das alles nur en passant erleben zu müssen.

Puerto Desado ist dann wie vermutet: Eine karge Hafenstadt, allerdings wirklich eine mit Würde. Zum ersten Mal kann ich mir hier vorstellen, dass es was haben könnte, dem patagonischem Winter vor Ort durchzustehen. In der Rezeption des Hotel „Isla Chaffers“ hängen Fotos aus der Gründungszeit der Stadt, die hauptsächlich vom Garnelenfang lebt und irgendwie haben wir den Eindruck, dass die Leute hier mit sich im Reinen sind, ausgependelt. Wir beide allerdings fangen langsam an, es bitter zu bereuen, uns dermaßen weit von den Anden weggedribbelt zu haben, denn uns wird schlagartig bewusst, dass wir ohne radikalen change of plan von jetzt ab bis zum Rückflug nach Buenos Aires für unseren Geschmack im suboptimalen Teil von Santa Cruz unterwegs sein würden.
Beschlussfassung beim Frühstück, noch ein kurzer Besuch des Salonwagens der stillgelegten Eisenbahn Puerto-Desado – Las Heras und schon befinden wir uns wieder auf der Straße. 800 km sind zu schaffen, bevor wir spätestens am Sonntagabend wieder da sind, wo wir es bisher am großartigsten fanden, nämlich in den Anden. Zwischenstop in Puerto San Juliain, von wo aus 1982 diese unglückliche, letztlich 1000 Menschenleben kostende Falkland-Invasion ausging, und ein Abendessen plus Übernachtung in der Boomtown Rio Gallegos, der südlichsten Stadt des argentinischen Festlandes, von Buenos Aires soweit entfernt wie Köln von Marrakesch (kurz bevor die Magellanstraße die Provinz Santa Cruz von Feuerland trennt). 50.000 Menschen leben hier auf der Höhe der Falkland-Inseln. Wovon eigentlich?