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Puerto Guadad (Chile)

Nachdem wir vorgestern 565 Kilometer auf der Piste abgerissen haben, auf denen uns maximal zehn Autos entgegengekommen sind, haben wir abends schließlich erst nach Einbruch der Dunkelheit mit der „Estancia Telken“ das große Los gezogen. Betrieben wird sie von einer vor über einem halben Jahrhundert hierher ausgewanderten Familie aus Schottland, was dazu führt, dass wir endlich mal ein paar Sätze mehr kommunizieren können als es unser doch eher rudimentäres Spanisch ansonsten zulässt.
Wir fühlen uns unmittelbar an die Three-E-Ranch in Montana erinnert, wo Wim vor ein paar Jahren den Jack-Wolfskin-Werbespot gedreht hatte und beschließen, ob des liebenswerten Ambientes und der paradiesischen Location überhaupt, hier zwei Nächte zu verbringen. Am liebsten würde ich jedes Detail abfilmen, abfotografieren, allein mein Zimmerchen würde ein paar traumhafte Albumcover abgeben („Songs for a room“).
Derart inspiriert setze ich mich nach einem morgendlichen Spaziergang mit Hofhund „Peto“ durch die angrenzende Pampa und ein traumhaftes Bachbett dann auch hin und schreibe in einem Rutsch den Text auf die vorgestern Nacht in El Chalten notierte Akkordfolge. Da man bemerkt hat, was ich tagsüber getrieben habe, bin ich nach dem Abendessen reif für ein kleines Konzert im Wohnzimmer. Der Abschied am heutigen Morgen fällt dann auch dementsprechend schwer. Die Dame des Hauses gibt uns noch eine Reihe brauchbarer Tipps und schon sind wir wieder auf der Piste.

Zwischenstation in Perito Moreno, von wo wir es schaffen, endlich mal wieder mit zuhause zu telefonieren (bzw. eine Lebenszeichen abzugeben, denn wie befürchtet meldet sich im Hause N. nur die Quatschkiste). Des weiteren gibt es hier ein frisch eingeweihtes Heimatmuseum, das ich fälschlicherweise zunächst für einen Saloon halte. Liebevoll zusammengetragene Fotos und Utensilien der Menschen, die diesen Ort vor über 100 Jahren gegründet haben und einmal hier angekommen, notgedrungen durch den patagonischen Winter zu kommen hatten. Weiter geht’s am Lago Buenos Aires vorbei zum argentinisch-chilenischen Grenzübergang Los Antiguos. Zweimal, für mittlerweile EU-verwöhnte Europäer endlose Grenzformalitäten und weiter am – inzwischen in „Lago Genaral Correra“ – umgetauften Anden-See vorbei, bis hierher, nach Puerto Guadal. Eine wirklich atemberaubende Pistenstrecke mit unfassbaren Panoramen, für schwindelfreie Menschen das größtmögliche Kino. Landen schließlich hier auf dieser „Terra Luna“ und sind glücklich, wenigstens das letzte winzige freie Holzhäuschen erwischt zu haben.

Schnell noch downtown zum Supermarkt, wo einem dann allerdings jegliche blöde Bemerkung im Hals stecken bleibt. Unfassbar, unter welch erbärmlichen Bedingungen die Menschen hier mit dem südchilenischen Winter klarzukommen haben. Winzige, nicht isolierte Schrebergartenbüdchen, windschief, morsch und wackelig, da nützt auch das großartigste Panorama der Welt nicht viel. Null Ahnung, wie so was geht, so schlimm kann es ansonsten nur noch im Norden Sibiriens sein. Die Piste führt von hier aus noch 100 km nach Süden, dann ist Chiles Straßennetz in Cochrane (Eddie Cochranes „Summertime Blues“ werde ich ab jetzt gang anders wahrnehmen) zu Ende. Von da ab führt nur noch eine Art 112 Kilometer weit reichender Feldweg gen Süden, dann ist – jedenfalls was Chile betrifft – in Yungai der Arsch der Welt erreicht. Keinerlei Ehrgeiz, ihn kennenzulernen.