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Donnerstag, 9.Mai 2013 – Kigali – Goma

In ausgeschlafener Form machen wir uns - aufgeteilt auf zwei Minibusse – auf den dreieinhalbstündigen Weg zur Grenze nach Goma, wo uns der deutsche Botschafter Wolfgang Manig erwartet, der ab jetzt mit uns unterwegs sein wird. Einchecken im Hotel Ihusi, wie gehabt, und dann direkt zum „Goma International Airport“, wo ich vor vier Jahren mit dem damaligen WHH-Chef Joachim Preuss beim ersten „Baggerstich“ in Sachen Lava-Räumung anwesend war. Der Vulkan Nyiragongo war 2002 ausgebrochen, und die Lavaströme hatten unter anderem die Landebahn des Flughafens in zwei Teile geteilt. Keiner davon lang genug, dass größere Flugzeuge starten und landen konnten. Da aber dieser Airport von zentraler Bedeutung, sowohl für die UN-Mission MONUC (Friedenssicherung und humanitäre Hilfe) wie generell für den Transport von Hilfsgütern und Mitarbeitern der verschiedensten Non-Government-Organisation (NGO) ist, hatte das auswärtige Amt die WHH damit beauftragt die Piste mit schwerem Gerät von der Lava zu befreien. Vorausgegangen waren Flugzeug-Havarien mit etlichen Todesopfern, weil der „Point of no Return“, also die Stelle, wo das Flugzeug definitiv abheben muss, viel zu früh erreicht wurde. Ein Flugzeug war damals mitten ins Marktviertel gestürzt. Fast fünf Jahre später sind die Räumungsarbeiten abgeschlossen und es steht „nur noch“ die Sanierung des Rollfeldes an, was ungefähr noch ein weiteres Jahr in Anspruch nehmen wird. Abhängig natürlich vom jederzeit wieder aufflammbaren Bürgerkrieg. So ist bei der Eroberung Gomas von der M23-Miliz im vergangenen November der Mob über das vom Personal geräumte WHH-Camp hergefallen, um zu plündern, was nicht niet- und nagelfest war, während die UN-Blauhelme nicht einmal 100 Meter entfernt hinter Stacheldraht in ihren Spätpanzern saß und zugeschaut haben. Ein Schaden in Millionenhöhe, der vermeidbar hätte sein können, wenn der Zaun auch noch die Baumaschinen umschlossen hätte und von den Blauhelmen beschützt worden wären. Eigentlich kein großer Akt, lediglich ein paar Rollen Stacheldraht mehr, denn sowohl der Mob, wie auch die Rebellen wissen ganz genau, bis wohin sie sich vorwagen dürfen, ohne dass die MONUC dazwischen geht. Am Nachmittag fahren wir aus der Stadt raus und besuchen das Flüchtlingslager Mugunga 3, das ich ebenfalls schon 2009 besichtigt hatte. Damals allerdings lange nicht so voll wie heute, denn seit April letzten Jahres, seitdem Kabila angekündigt hat, den General Bosco Ntaganda festzunehmen, haben sich neue Rebellengruppen gegründet, zwangsrekrutiert und die Zivilbevölkerung terrorisiert, was zur Folge hat, dass sich inzwischen 3000 Familien, vom Kleinkind bis zu den Großeltern auf diesem felsigen Terrain in wackligen Holzlaub und Plastikkonstruktionen aufhalten. Die WHH hat ihr Bestes getan, um das Gelände halbwegs einzuebnen, für Trinkwasser gesorgt und Latrinen ausgehoben. Es ist unbeschreiblich, wie die Menschen hier vor sich hin vegetieren. Verlassen die Frauen das Lager, um Feuerholz zu sammeln, laufen sie Gefahr vergewaltigt zu werden. Auf meine Frage, warum dieser Job denn nicht von den Männern übernommen wird, antwortet man mir, dass diese dann zwangsrekrutiert würden. Hört sich für mich nach einer ziemlich albernen Ausrede an. Vermute mal, dass es halt für afrikanische Männer unter der Würde ist, Brennholz zu sammeln. Die Bestätigung meiner These, dass dieser Kontinent ohne die starken afrikanischen Frauen längst im Ozean versunken wäre. Jedenfalls besitzen die Leute nur noch das, was sie am Leib tragen, weil ihnen auf der Flucht sämtliche Habseligkeiten geraubt wurden. World Vision engagiert sich ebenfalls in diesem Lager, hauptsächlich was die Ernährung betrifft. Abends Dinner mit diversen Fachkräften, unter ihnen ein italienischer Vulkanologe, der die weit verbreitete Meinung vertritt, den Kongo müsse man sich selbst überlassen, auf die Gefahr hin, dass es zunächst wieder Unmengen Tote gäbe, es dann aber langsam bergauf ginge und letztendlich dieser Weg weniger Menschenleben fordern würde, als der Jetzige. Kann mich dieser Meinung nicht anschließen, denn das würde einen weiteren Genozid bedeuten und der Weltöffentlichkeit für ihr Versagen vor 19 Jahren in Ruanda die Absolution erteilen. Allerdings ist es auch furchtbar schwer, das Richtige zu tun, denn dieses Land ist hoffnungslos korrupt und solange es im Interesse der wenigen Großverdiener ist, dass sich daran nichts ändert, wird die Gewalt auch kein Ende finden. Den Königsweg gibt es einfach nicht. Die Idee „NGOs und Blauhelme raus“ ist irgendwo am grünen Tisch und zwar ganz weit weg ausgebrütet worden, und vor allem ohne, dass jemand in die Augen, der dann im Stich gelassenen Menschen geschaut hat.