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Dienstag, 13. September 2011 – Oicha und Beni

Der Tag beginnt mit einer Fahrt nach Oicha, wo wir zunächst den Provinzgouverneur besuchen, um uns seinen Segen zu holen. Scheint uns ein rechtschaffender Mann zu sein, der einen in seinem Amtsitz ein weiteres Mal an den braven Eisenbahner aus Fitzcarraldo erinnert. Mehr als seine Lokomotive auf dem verbliebenen Schienenstück ab und zu hin- und herzufahren, ist ihm nicht vergönnt. Was danach kommt, zählt zu meinen am schwersten zu verdauenden Eindrücken, seit ich versuche, Afrika zu verstehen.
Anna hat es tatsächlich hinbekommen, dass wir minderjährige Prostituierte in ihren Bordellen interviewen dürfen, wobei der Begriff „Bordell“ ein weiterer Euphemismus ist. Wir treffen Grace (!!) völlig bekifft in einem Verschlag, den sie sich mit ihrer „sister“ teilt, einer verdreckten, windschiefen Lehmbude, in der ihre Hauptarbeitsstelle durch eine völlig versiffte, ehemals wohl weiße Decke vom „living room“ abgetrennt ist. Im Alter von 13 Jahren wurde sie durch die Kriegswirren von ihren Eltern in Goma getrennt, von denen sie danach nie mehr etwas gehört hat und hat sich in den Monaten danach mit „Jemandem“ nach Beni durchgeschlagen, bei dem sie die erste Zeit auch bleiben konnte, bis er sie verstoßen hat und ist somit alternativlos in der Prostitution gelandet. Dieses bildhübsche Mädchen mit den verquollenen Augen und den blauen Flecken am Hals im Alter meiner Tochter Isis werde ich mit Sicherheit nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Verschämt berichtet sie uns, dass ihr die Freier pro vollzogenen Liebesdienst 5 Dollar bezahlten, manche sich allerdings vorher aus dem Staub machen. Durchschnittlich bliebe es bei einem Kunden pro Tag, wenn sie Glück habe wären es auch schon mal zwei.
Als wir mitkriegen, dass es draußen lauter wird (offensichtlich beschwert sich der Landlord, der den Mädchen die Hütten vermietet über unsere Anwesenheit) beenden wir dieses Interview und brechen zum zweiten Etablissement auf. Hier stoßen wir auf eine total verschüchterte 16-Jährige, die zu all dem anscheinen üblichen Horror auch noch im dritten Monat schwanger ist. Furchtbar viel mehr kriegen wir nicht aus ihr heraus und beschließen deshalb sämtliche noch ausstehenden Gespräche mit minderjährigen Prostituierten allein von Andrea unter Robins Kamerabeobachtung führen zu lassen, wir sind einfach zu viele. Gottseidank scheint die schwangere 16-Jährige dazu bereit zu sein, unsere Einladung ins Rebound 2-Center anzunehmen. Das Team wird sich in den kommenden Tagen vor allem um eine Gastfamilie bemühen müssen.
Eine solche, die einen ehemaligen Kombattanten sozusagen adoptiert hat, besuchen wir –zurück in Beni- am Nachmittag. Leider allerdings zu einem Zeitpunkt, als sich der Himmel zuerst bedrohlich verdunkelt und danach in einem andershalbstündigen tropischen Wolkenbruch entleert. Wir sitzen im Wohnraum der Gastfamilie und alles macht nach den Gesprächen des Vormittags einen erlösenden Eindruck. Anständige, nächstenliebende Menschen, eine afrikanische Familie wie man sie sich wünscht. Genaugenommen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie man unter den Lebensbedingungen im Ostkongo ohne völlig zu verrohen, mit dem Kopf über Wasser bleiben kann. Vor uns sitzt das Gegenbeispiel, schade nur, dass das vorhandene Licht bei weitem nicht ausreicht und Robins Minimal-Equipment es vermutlich nicht schafft, diese Situation für unseren Film einzufangen. Da es durch den Regen schon ziemlich spät geworden ist und die Einweihung des Centers auf 16:00 Uhr terminiert ist, verzichten wir schweren Herzens auf den Besuch einer zweiten Gastfamilie und starten direkt durch. Vor Ort sind die Vorbereitungen in vollem Gange. Eine kleine P.A. ist aufgebaut und eine mit orangenen Plastikbahnen überspannte Bretter-Konstruktion dient als Regenschutz für das Mischpult und ein Keyboard. Davor sind unter immer noch leicht tröpfelndem offenen Himmel vier Mikrophone und einige bereits deutlich ramponierte Anlagenelemente aufgebaut. Eine nicht eindeutig definierbare, ständig untereinander die Instrumente tauschende Musikerschar macht so etwas wie einen Soundcheck, der dann nahtlos in die eigentliche Veranstaltung übergeht. Inzwischen haben die Honoratioren auf den für sie vorgesehenen weißen Plastikstühlen Platz genommen, ein wild kostümierter Kinderchor mit Friedens (statt Krieg-)Bemalung trifft ein und ab geht’s. Der „Hope Children Choir“ zieht zusammen mit der hervorragend groovenden Band eine großartige Show ab, Lichtjahre entfernt von Qualitätsniveau von allem, was mir bisher an vergleichsbarem untergekommen ist. Vor allem der vermutlich gerade mal zwölfjährige Trommler entpuppt sich als ein Talent, nachdem sich so ziemlich jede Profi-Kapelle die Finger lecken würde. Die Reden fallen erfreulich kurz aus, im Wesentlichen beschränkt man sich darauf, anzukündigen, was als nächstes kommt. Als mein Name fällt, ist mir längst klar geworden, dass es wenig Sinn machen würde, hier Nachdenkliches wie „Noh Gulu“ zu spielen, dafür ist die Stimmung von Anfang an bereits zu sehr auf dem Siedepunkt, also beschränke ich mich auf „Für ‚ne Moment“ und „Redemption Song“. Nachdem die Band im Verlauf meines ersten Liedes versucht hat, mitzuspielen, verrate ich ihnen, vor dem zweiten die Tonart und siehe da, wir schaffen es nahezu unfallfrei durch Bob Marley’s „Erlösungslied“. Keine Ahnung, welche Tonqualität die Kamera abliefert, aber die Bilder müssten eigentlich phantastisch sein. Mehr Lebensfreude geht einfach nicht. Alles tanzt, klatscht und singt, allen voran unsere Jungs und Mädels. Unglaublich eigentlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was diese Kinder hinter sich haben. Das sind genau die Momente, in denen einem wieder ganz deutlich wird, das Bemühungen wie die unseren doch nicht sinnlos sind.