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Continental Airways Flug - N.Y. – Köln

Nach einer knappen Woche New York befinde wir uns jetzt seit knapp einer halbe Stunde auf dem Rückflug. Meine Hoffnung, hier endlich einmal eine andere Jahreszeit als Winter zu erleben, konnte ich unmittelbar begraben. Ein Kälteeinbruch sorgt seit kurzer Zeit für österliche Temperaturen in Gefrierpunktnähe. Bis auf ein paar blühende Magnolien lässt also nichts auf den Frühling schließen. Wir ziehen, nach dem Zwiebelprinzip vermummt durch die verschiedenen Stadtteile Manhattans. Unsere Basis ist das optimal gelegene Holiday Inn – Soho, Ecke Canal Street und Lafayette, mitten in Chinatown.

Über die Osterfeiertage sind allerdings unerträglich viele Touristen in der Stadt, es gibt fast nichts, wofür man nicht stundenlang Schlange stehen muss, insofern fallen eine obligatorische Pflichtprogrammpunkte wie die Circle Line – Hafenrundfahrt, Metropolitain – Museum und Moma aus. Gottseidank waren die Damen schon auf dem Empire State Building, so dass mir diesbezüglich ein mindestens vierstündiges Schlangestehen erspart bleibt.

Nachdem ich jetzt länger als ein Jahrzehnt nicht mehr hier war, interessieren mich ohnehin die Veränderungen Straßen und Plätze mehr als touristische Anlaufstellen. Wie man sich denken kann, hat vor allem der Nine-Eleven das Leben der New Yorker in einem Ausmaß beeinflusst, wie kein geschichtliches Ereignis zuvor. Sehr zu Herzen gehend die Erzählungen unserer hier lebenden Freunde, allen voran die meines alten Freundes, dem Maler „Reiner „Mötz“ Gross und vom Fotografen Wolfgang Ludes, der hier mit mir das „Ich will dich“ – Video gedreht hat. Ihre Einschätzung, N.Y. sei und bleibe ein „target“ muss man leider teilen. Nachvollziehbar, wenn auch lästig, die amerikanische Sicherheitsparanoia, die auch nicht nach sämtlichen absolvierten Flugsicherheitschecks mal in den Hintergrund tritt, wie auch?

Kann jedenfalls nicht behaupten, eben ohne mulmiges Gefühl durch den Holland-Tunnel unter dem Hudson durchgefahren zu sein. Schon bei meinem letzten NY-Aufenthalt war ich erstaunt über die Verwandlung des West-Broadway. Galeriescene in einer rein kommerziellen Boutiquen-Gegend. Inzwischen ist oberhalb des ehemaligen Meatpacking-District in Chelsea eine völlig neue Galeriescene entstanden, in der es mir allerdings nicht gelungen ist, auch nur eine einzige Neuentdeckung zu machen. Des Kaisers neue Kleider werden in Hunderten von makellosen Designergalerien ausgestellt und man darf sich glücklich schätzen, ab und zu mal auf was Vertrautes, wie beispielsweise die Arbeiten des altehrwürdigen Konzept-Künstlers Walther de Moria zu treffen. Eine sehr gut gemachte Videoinstallation über die Landflucht im Mittleren Westen war so ziemlich das Überzeugendste, was wir gesehen haben, ansonsten leider massenhaft grottenschlechte Bilder, mit denen man nur schwer die Aufnahmeprüfung einer Kunsthochschule schaffen würde. Keine Ahnung, wer diesen Schrott zu welchem Preis kauft, aber irgendwas ist hier gefährlich in Schräglage geraten.

Natürlich pilgern wir im Rahmen eines Central-Park-Spaziergangs auch zum Dakota-Building, vor dem John Lennon vor inzwischen 27 Jahren erschossen wurde. Gegenüber im Park erklärt ein rührender Althippie einer Busladung Senioren vor dem Imagine-Mosaik in den Strawberry Fields, was damals passiert ist, wo Yoko Ono immer noch logiert und hinter welchem Fenster des Dakota John Lennons weißer Flügel stand, an dem er - mit Parkblick – komponiert hat.

Das CBGB ist inzwischen von der Bowery verschwunden, man hat es bis zum letzten Pissbecken demontiert und in Las Vegas museal rekonstruiert. So viel zum Thema Punk. Wo Larry Rivers Loft war (404 E 14th Street) ist jetzt ein Mc Donalds, Howard Kanovitz malt auf Long Island oder an der Cote d`Azur. Gottseidank arbeitet Mötz immer noch am St. Marcs Place und wie es aussieht auch recht erfolgreich. Jedenfalls schafft er es, in dieser völlig überteuerten Stadt vom Verkauf seiner Bilder zu leben. Julian Schnabel treffen wir diesmal nicht, dafür speisen wir im „Wallse“, einem österreichischen Lokal Ecke 11th und Washington Street unter einem seiner Bilder.

Was natürlich auch nicht ausbleiben kann, ist das Wandeln auf des Meisters Spuren, schließlich tauchten in „Chronicles“ einige, vorher nie gehörte Straßennamen wie die Vestry Street in Tribeca auf, die neugierig machten. („...inzwischen hatte ich schon fast überall im Village mal gewohnt, bei Ray und Cloe vermutlich am längsten. Sie hatten eine Sechszimmerwohnung in der Vestry Street...“). Interessante Gegend, dieses Tribeca, imposante, solide restaurierte Lagerhäuser, wo man sich Anfang der Sechziger vermutlich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straße getraut hat. Lokal, Shops, aber auch das „normale Leben“ findet hier seinen Platz, sogar das „Alte“ New York funkelt hier und da noch mal kurz, bevor man dann im unmittelbar angrenzenden Financial District vom „Empty Sky“, den die drei zerstörten World-Trade Center – Türme hinterlassen haben, wieder in’s bedrückende Heute zurückgerissen wird. In der Tat: Die Kaminfeuer nostalgischer Gefühle können sich in dieser Stadt lediglich Nasen wie ich leisten, die – wenn überhaupt – einmal in zehn Jahren nach dem Stand der Dinge sehen. Die New Yorker selbst haben inzwischen mit Strömungstests für eventuelle Giftgasanschläge zurechtzukommen. Bin mir mir nicht sicher, ob ich so bald wieder hierhin zurückkommen will. Solange Bush, CNN und „USA today“ das Land regieren, jedenfalls nicht. Wie winzig z.B. der vorgestrige Al-Quaida-Anschlag in Algier auf Seite 6 der national verblödenden „USA today“ abgehandelt wurde! Aber klar: es waren keine US-Bürger involviert.