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Buenos Aires / Hotel Nogaro

Der Begriff „Karnevalsflucht“ muss ab jetzt völlig neu definiert werden. Es ist Rosenmontag und vorgestern Abend sind Hellmän und ich vom Kölner Hauptbahnhof per ICE zum Frankfurter Flughafen gefahren und haben pünktlich um 22:45 den europäischen Boden verlassen. Fünfzehn Stunden Flug inclusive einer Zwischenlandung in Sao Paulo und schon stehen wir ebenfalls nahezu pünktlich am Sonntagmorgen um 10:15 Ortszeit auf dem Flughafen von Buenos Aires und versüßen uns die Wartezeit in der Zollabfertigung solange mit einer „Quasi – SMS - Direktübertragung“ des Spiels Rot-weiß Essen gegen den 1-FC Köln. Den Endstand dieses erneuten Debakels (0:5) erleben wir schließlich im Taxi, was unsere Laune allerdings nicht im geringsten beeinträchtigen kann.

Erst als der Rezeptionist des Hotel Nogaro versucht so zu tun, als gäbe es keine Zimmerreservierung, schwant uns Böses. Da Manfred aber die Buchungsbestätigung vorlegen kann, bekommen wir dann doch noch zwei offensichtliche Reserve-Einzelzellen direkt neben einem Lüftungsschacht, in denen man, nachdem man sein Gepäck irgendwie in die Hohlräume zwischen Wand und Bett verstaut hat glaubt, von einem basslastigen Tinitus befallen zu sein – dermaßen laut und unabstellbar dröhnt das Aircondition-Aggregat im besagten Lüftungsschacht.

Morgen dürfen wir umziehen, versichert man uns und somit steht einem ersten Bummel nichts mehr im Wege. Ob des Sonntags ist der Verkehr hier im Zentrum zwar erheblich ruhiger als erwartet, aber trotzdem wird einiges geboten. Als erstes geraten wir in die Dreharbeiten zu einem mega-aufwändigen Werbespot, in dem eine Armada von Pizzalieferanten auf Fahrrädern durch die Straßen rund um den Plaza de Mayo kurvt, auf dem dann im Laufe des Nachmittags außerdem noch eine Wahlkampfdemo für einen Kommunisten namens Lopez stattfindet.

Wir beide geraten schließlich instinktsicher auf die hiesige Hohe Straße (Florida), und bemühen uns dann zielgerichtet, den auf schick sanierten Yachthafen Puerto Madero zu finden, von dem uns mein Sohn Severin, der hier in Argentinien die erste Hälfte des vergangenen Jahres verbracht hatte, allerdings mit den Worten „Schicki-Micki-Tourist-Scene“ abgeraten hat. Egal, für zweit leicht gejetlagte ältere Herren ist das jetzt genau das Richtige, schließlich steht der heutige Tag eindeutig unter der Überschrift „Eingrooven“ und was kommt da besser als ein Drink im Schatten bei sanfter Seebrise?!
Recht hat der Mann allerdings letztlich doch, denn absolut nichts hier lässt auch nur den geringsten Gedanken daran aufkommen, dass man zehntausend Kilometer vom Kieler oder Hamburger Hafen entfernt jenseits des Äquators unter südamerikanischer Sonne weilt. Globalisierte Austauschbarkeit.

Über die offizielle Geburtstagsfeier des verdienten deutsch-argentinischen Schriftstellers Osvaldo Bayer, in dessen Haus Severin hier gewohnt hat, kriegen wir allerdings nichts Sachdienliches raus. Es läuft nur der spanischsprachige Anrufbeantworter, sodass wir den Abend in einem Straßenlokal auf der erstaunlich ruhigen Avenida del Mayo ausklingen lassen. Danach noch im Bett meiner Zelle zwei, drei Kapitel der Argentinienreise-Pflichtlektüre (Bruce Chatwin / In Patagonien) und ab in den komatösen Tiefschlaf, den auch kein noch so penetrantes Klimaanlagen-Geräusch mehr großartig zu verhindern mag.
Gut geschlafen, nach innerer Uhr schön brav nach bis 10:00 MEZ, was hier allerdings 6 Uhr morgens bedeutet. Aber da Bruce Chatwin ja vor drei Jahrzehnten so erfreulich viel für Manfred und mich aufgeschrieben hat, ist das auch kein Problem.

Nach dem Frühstück dann der Wechsel in akzeptable Zimmer und erneutes Aufbrechen in die City von Buenos Aires. Auf dem Programm steht in erster Linie der Stadtteil San Telmo, der nahezu unmerklich in den namens Boca (Boca Juniors!) übergeht. Schönes Viertel mit reichlich Antiquitäten und Trödelläden. Auch an Kneipen mangelt es nicht wirklich, abends boxt hier vermutlich der Papst.