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Buenos Aires / Argentinien

Das mit dem Papst-Boxkampf beschränkt sich netterweise dann doch ziemlich auf den Rahmen des Erträglichen. Irgendwie ist die Hauptsaison gelaufen, europäische Touristen fallen hier wohl hauptsächlich in den Weihnachtsferien ein. Viele Lokale haben jetzt geschlossen, die Kneipiers erholen sich. So auch wir. Ausgeschlafen und befrühstückt steht auch der Dienstag zur Erkundung der Stadt zur Verfügung. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg zum Place Congress, von wo aus es nicht mehr weit zur Av. Santa Fe ist. Das eigentliche Ziel ist allerdings der Friedhof von Recoleta, eine veritable Totenstadt mitten in diesem pulsierenden 2-Millionen-Moloch, die sich Arnold Böcklin nicht großartiger hätte ausdenken können. Kaum hat man sie betreten, fühlt man sich, als sei ein Schalter umgelegt worden, der Lärm tritt zurück, alles relativiert sich, Kannitverstaan lässt grüßen.

Da Wim uns per SMS ermahnt hat, sein Lieblings-Steakhouse in La Boca zu besuchen, um zu überprüfen, ob dort noch das Foto mit ihm und Maradona drin hängt, tun wir wie geheißen. Allerdings nicht – wie gewohnt – per Pedes, sondern, weil man dringend davon abrät, nach Einbruch der Dunkelheit den „Camenito“ (den für Touristen sicher gehaltenen Teil dieses Armenviertels) zu verlassen, diesmal in einem Taxi.

Und spätestens ab hier muss Wim einfach von Berlin aus Regie geführt haben, ansonsten ist es einfach nicht zu erklären, wieso wir ausgerechnet für dieses Unterfangen an einen englischsprechenden, polnischstämmigen Taxifahrer geraten, der uns unterwegs äußerst kurzweilig und humorvoll mit seiner Biographie vertraut macht. Ihm, dem promovierten Chemiker, hatte der Bayer-Konzern beispielsweise kurz vor der hiesigen Währungsreform, die den Sinn hatte, Auslandskonten in den Griff zu kriegen, mit Abfindung in den Vorruhestand geschickt, die er dann unmittelbar zum größten Teil wieder los war, da sie in amerikanischen Dollar ausgezahlt worden war. Jedenfalls fährt uns dieser Mann durch finstere, furchterregende Straßen und Gassen, bis wir schließlich feststellen müssen, dass auch Wim’s „Obrero“ wegen Urlaub geschlossen hat. Überhaupt kein Problem, Roberto Begnini hätte uns als lokaler „Night on Earth“-Taxifahrer nicht besser unterhalten können. Den „Camelito“ führen wir uns dann am Aschermittwoch zu Gemüte, eine weitere Touristenattraktion à la Montmartre, Reeperbahn und Rüdesheim, aber dennoch irgendwie rührend. Im Zeitalter vor der Einführung von Containerschiffen hatten hier die Stückgut verladenden Hafenarbeiter ihre wackeligen Häuser mit den Farbresten der Hochseeschiffe angepinselt, was heute nur noch künstlich für uns Touristen aufrecht erhalten wird. Maradona-Kult und Tango-Schautänze, wo man auch hinsieht und hinter den Kulissen sowie vor allem im Hafenbecken selbst unvorstellbare Dreckmassen. Es heißt, der Großteil der 20 Millionen hiesigen Ratten friste sein Leben in La Boca.