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Athen, International Airport

Kaum zu glauben, dass das ein kompletter Monat gewesen sein soll. Viel zu berichten gibt es jedenfalls nicht. Im wesentlichen lange geschlafen und soviel gelesen, dass mir schon sehr früh der Lesestoff ausging:
Endlich bin ich auf Naxos dazu gekommen, die neue Übersetzung von Kerouacs „Unterwegs“ zu lesen. Sehr wohltuend, auch wenn hier und da liebgewonnene Sätze und Begriffe korrigiert wurden. So ist im Original tatsächlich von „Pooh dem Bär“ und nicht vom Polarstern die Rede. Auch Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“ habe ich mir noch mal vorgenommen. Ein unglaubliches Zeitdokument der frühen Bundesrepublik. Kein Wunder, dass mich dieses Buch als 18-jährigen damals dermaßen umgehauen hat.
Ein Kurzgeschichtenband von T.C. Boyle, „Fleischeslust“, womit ich dann wohl alles von ihm durchhaben dürfte. Pointiert wie gewohnt. Dieter Wellerhoffs „Der Sieger nimmt alles“, ein Roman, den ich immer schon mal lesen wollte und der jetzt anscheinend fällig war. Er begegnete mir in Naxos-Stadt nämlich in der Gebrauchsbuchhandlung „Vrakas Silver & Used Books“, ebenso wie zwei eher nervige Alterswerke des zwischenzeitlich wohl völlig zum Verbalerotiker heruntergekommenen John Updike. „Landleben“ und „Gegen Ende der Zeit“. Erstaunlich, dass er danach noch „Der Terrorist“ geschrieben hat (Nicht ganz unschuldig an meiner Tunnelzeile in „Wa’s loss met dä Stadt?“). Des weiteren lief mir bei Vrakas noch ein zweiter Mankell-Roman zu: „Die Rückkehr des Tanzlehrers“. Erstaunlich, wie dreist man als Schriftsteller bei sich selbst klauen darf. Das absolut gleiche Strickmuster wie bei „Der Chinese“.
Ein mir noch unbekannter Graham-Greene-Roman „Das Schlachtfeld des Lebens“ sowie Frank Schätzings „Tod und Teufel“, für den ich zuhause nie richtig Lust hatte, aber hier irgendwie okay fand, und zu guter letzt ein völlig abgegriffenes Buch ohne Rücken, das ich fast nicht aus dem Regal gezogen hätte: „Gruppenbild mit Dame“ von Heinrich Böll. Groß war die Freude, vor allem als ich merkte, wie viel ich von diesem einzigartigen Roman seit den frühen Siebzigern dann doch vergessen hatte. Wie es aussieht, werde ich mir zuhause wohl noch mal einige seiner Klassiker aus dem Regal holen müssen.

Die Europameisterschaft ging für mich in Panagiottis Küche zu Ende. Nix verpasst und mit Spanien einen würdigen Europameister erlebt. Nach dem frühen Ausscheiden der Griechen war hier wohl auch nicht mehr mit großer Fußballbegeisterung zu rechnen. Zwei Tage waren wir bei Alfred Biolek auf der Nachbarinsel Tinos zu Gast, was aber außer zwei Ausflügen nach Appollonas und Matsounas auch der einzige Trip blieb, wenn man mal von unseren Shopping-Fahrten nach Naxos-Stadt absieht.

Unangenehm wird uns der Umgang mancher Naxoten mit Tieren in Erinnerung bleiben. Besonders zwei Kettenhunde, deren Funktion uns bis zuletzt nicht klargeworden ist, haben sich eingebrannt. Unmittelbar am Straßenrand in der Nähe eines Klosters in The Middle of Nowhere vegetiert der eine in einer umgekippten Speiseeis-Box und der andere gegenüber in einer ramponierten Holzkiste. Nur selten steht irgendwas zum Trinken in ihrer Nähe und zum Fressen gibt es anscheinend lediglich ab und zu ein paar Schlachtabfälle. Dementsprechend sehen die Tier natürlich auch aus: Völlig verwahrlost und verängstigt (von wegen „Wachhunde“) wurden sie täglich zutraulicher und wedelten schließlich sogar mit dem Schwanz, wenn sie uns mit Wasser und Chappi-Dosen kommen sahen. Bin sehr gespannt, ob dieser Chris, der sich auf der Insel für Tierschutz stark macht, etwas für die Viecher erreichen kann. Der junge Polizist, dem ich auf der Wache davon erzählt habe, hat auf jeden Fall erst mal gar nicht kapiert, was ich wollte. Erst als ich den freilaufenden, ebenfalls völlig verwahrlosten Collie erwähnte, der nachts Autos anspringt, tagsüber aber mit eingezogenem Schwanz zu Tinas Fütterungen erscheint, kam ihm die Erleuchtung: Wenn der eine Unfallgefahr sei, müsse er halt auch an die Kette. Na prima!

Den Soundtrack des Urlaubs bildeten ein Louis Armstrong Best-Of-Album, das ich mir nach Ruanda noch schnell besorgen konnte und Jakob Dylan’s erstes Soloalbum „Seeing Things“, soeben erschienen und für familienkompatibel befunden.

Das einzige, was halbwegs mit Arbeit zu tun hatte, war das Schreiben des Vorworts für Jürgens Buch „Jürgen Zöller selbst“, dessen letztes Kapitel per e-mail zu mir nach Naxos gelangte. War gar nicht so einfach, vor allem, weil sich plötzlich wieder längst Abgehaktes in Sachen Bandgeschichte in meiner ansonsten entspannten Ferienbirne breit machte. Umso schöner festzustellen, dass ich tatsächlich mit „Radio Pandora“ im Jetzt gelandet bin. Schicke schließlich meine erste Vorwort-Version an Oliver, der das Ganze dann in eine angemessene Form bringt. Ist – glaube ich – ganz schön geworden.

Gestern dann wieder Zwischenstop auf Santorini, das ich ohne Mitteohrentzündung erheblich besser genießen kann. Von Imerovigli aus in den Krater zu schauen und all die Schiffe, die auch noch lange nach Sonnenuntergang bis tief in die Nacht da unten ein- und auslaufen, aus der Vogelperspektive zu beobachten, hat was von einer Traumsequenz. Wenn man jemanden anhand nur einer Stelle die Faszination der Ägais vermitteln müsste, dann wäre das hier die Optimale.

Inzwischen sitze ich seit drei Stunden neben meinem Gepäck auf dem Athener Flughafen, weil die Abfertigung nach Zürich erst zwei Stunden vor Flug beginnt, und versuche mich zu erinnern, wo ich seit den frühen Siebzigern schon überall in Griechenland war, komme von Hölzchen auf Stöckchen, schreibe Logbuch, lese „Die Zeit“ und freue mich auf Band und Crew, die ich heute Abend in Appenzell treffen werde.