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Addis Abeba – Frankfurt

Kurze Nacht. Schon um 8:00 Uhr treffen Sönke und ich uns mit Danielle, die uns etwas über das Coltan-Geschäft im Ostkongo erzählt. Ursprünglich war dieses date für Dienstag vorgesehen, ist inzwischen fast überflüssig, aber dennoch ist es sehr erstaunlich wie selbstverständlich diese junge Südafrikanerin mit dem Thema umgeht. Das Gespräch mit ihr beseitigt allerletzte Zweifel über den Grund des Baumbooms internationaler Banken, Hotels etc. in Kigali. Das hier ist die Wirtschaftsmetropole der gesamten Region, also auch des Ostkongos, der Kivu-Region. Staatsgrenzen sind in der Praxis uninteressant.

Der Erzabbau wird, wie die geschürften Diamanten, von Kigali aus vermarktet, deshalb übrigens auch der Bau eines Zivilflughafens. Der alte wird zur amerikanischen Militärbasis umgewandelt. Der Wettstreit in Sachen anglophoner und francophoner Einflusszone ist von handfesten wirtschaftlichen Interessen geprägt und die Franzosen haben da nun mal wegen ihrer jahrzehntelangen Unterstützung der ehemaligen Hutu-Regierung und ihres Verhaltens während des Genozids schlechte Karten bei der jetzigen Tutsi-Regierung. Diese allerdings bildet unübersehbar eine privilegierte Führungsschicht, deren Lebensstandard auf Dauer unheilvollen Sozialneid erzeugen wird, wenn nicht langsam einmal die sozialen Grenzen zwischen der Hutu-Unterschicht und ihnen abgebaut werden.

Diese Erkenntnis bestätigen uns beim zweiten Termin dieses morgens dann auch die Mitarbeiter der „Gesellschaft für technische Zusammenarbeit“ (GTZ). Darüber hinaus machen sie uns auf eine weitere Deadline aufmerksam, nämlich die, dass dieses Land bei der abzusehenden Geburtenrate und der fortschreitenden Erosion auf den bewirtschafteten steileren Berghängen in zwanzig Jahren seine, auf das Doppelte angewachsene, Bevölkerung nicht mehr ernähren kann. Das einzige, was mir dazu in konstruktiver Form einfällt, ist, dass die Geberländer die Entwicklung ordentlicher Regierungsführung unbedingt forcieren müssen. Im Fall von Ruanda erscheint mir das mindestens so wichtig wie die Spenderei selbst. Die Zwickmühle wird natürlich durch das ignorante Verhalten Chinas gegenüber dem Thema „Good Governance“ nicht einfacher. „Vielleicht sind die ja nur ehrlicher“, sagte letztens jemand „...und eiern nicht so rum wie die übrigen Großmächte, die sich immer erst mal das Mäntelchen der Barmherzigkeit umhängen, bevor sie sich ans Ausbeuten machen.“

Wie dem auch sei, die Länder der Great-Lakes-Region haben nur eine Chance auf dauerhafte Verbesserung ihrer prekären Situation, wenn sie zusammen arbeiten, denn die Grenzen, die sie immer wieder daran hindern, sind „die Sünden unsere Ahnen“, willkürlich mit dem Lineal gezogen, ohne Rücksicht auf ethnische Zusammenhänge, 1884 von den Kolonialmächten der Berliner Konferenz. Selbstverständlich muss das Ziel dieser Zusammenarbeit sein, die Bevölkerung am Gewinn zu beteiligen.

Vor der Abfahrt zum Flughafen noch der Versuch einer Zusammenfassung des Ruanda-Abstechers vor Mirkos Kamera „am Pool von Kigali“ und los geht das Marathon-Gehopse in Richtung Heimat: Kigali, Nairobi, Adis, Frankfurt, Köln.

Mal sehen, falls ich morgen früh noch (bzw. wieder) fit bin, mache ich mich noch auf den Weg in die Eifel, wo sich gerade der weibliche Teil der Familie befindet.

Ach ja, heute morgen beim Frühstück im „Hotel des Mille Collines“ stellte sich der neue Besitzer vor, ein seit dreißig Jahren in Afrika lebender Exil-Kölner namens Erwin Schnitzler. „Kigali ist die sicherste Hauptstadt Afrikas“ sagt er. „Damit der das in zwanzig Jahren immer noch behaupten kann, müssen hier allerdings noch einige Groschen fallen“ denke ich.