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Rheinischer Kulturpreis 2015 für Wolfgang Niedecken

Gestern Abend fand die Verleihung des Rheinischen Kulturpreises der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland an W.N. statt. Die Laudatio hielt Gert Scobel.
Die Preisträger des Förderpreises durfte W.N. auswählen:
AnnenMayKantereit

Markus Feldenkirchen schreibt im Programmheft:
Ein Herz und eine Seele
Für seine Musik hätte Wolfgang Niedecken fast jede Auszeichnung der Welt verdient: 18 Studioalben mit BAP, zahlreiche Soloprojekte, eine lange Liste von Hits, deren Nennung diesen Text sprengen würde, und dann dieses Genie, eines der schönsten Liebeslieder der deutschen Musikgeschichte zu schreiben, obwohl dessen Hauptfigur auf den Namen „Rita“ hört.

Doch Niedecken ist weit mehr als die Summe seiner Alben und Songs. Er ist ein Gesamtkunstwerk, das es ohne seine Musik zwar nicht gäbe, das sich aber nicht auf sie reduziert. Seit Jahrzehnten fordert dieses Gesamtkunstwerk nun schon den Zeitgeist heraus, in seinen Liedern, aber auch durch sein Auftreten und Handeln „außerhalb des Platzes“, wie der Fußballer sagt. Was Niedecken herausfordert ist die Kultur des bloßen Scheins, des perfekten Marketings des Nichts, den Trend zur Beliebigkeit – und zur schnell gemachten Mark (Euro).

Es gab eine Zeit, in der Mitglieder seiner Band BAP deren Charakter verändern wollten. Die Musik sollte poppiger daherkommen, und gesungen werden sollte endlich hochdeutsch oder besser gleich Englisch. Nur so, das war der Glaube, könne man wirklichen Erfolg haben und die Kasse zum Klingeln bringen.

Wolfgang Niedecken hat arg gelitten in dieser Zeit, hat ewig mit sich gerungen. 15 Jahre lang versuchte er den Konflikt auszugleichen, weil er verhindern wollte, dass seine Band zerbricht – bis der Bruch nicht mehr zu verhindern war. „Wer zum Teufel brauchte denn in den achtziger Jahren eine „runkelnde“ Garagenband aus Deutschland, die englische Texte singt?“ sagt Niedecken im Rückblick auf die schwierige Zeit. „Ich wollte was künstlerisch Interessantes machen und zudem meiner Muttersprache treu bleiben.“

Dieses Scheitern, das er zunächst als Niederlage empfand, hat sich dann glücklicherweise als Sieg herausgestellt. Und als Beispiel dafür, dass Treue sich auszahlt. Treue zu den eigenen Überzeugungen, zum eigenen Kunstverständnis, Treue auch zur eigenen Herkunft und Sprache. Köln ist schließlich sein Heimathafen. Er bedeutet ihm viel, nicht im Sinne eines ignoranten Regionalpatriotismus, sondern als Ort, von dem aus sich immer wieder aufbrechen lässt, in die weite, im Zweifel noch interessantere Welt.

Wolfgang Niedecken hat sich der Gentrifizierung seiner Band verweigert. So wie die ungefilterte Gier nach Profit Stadtviertel zerstört, weil sie äußerlich zwar schicker, aber gleichzeitig austauschbar und langweilig werden und weil ihnen mit jeder Sanierung ein Stück Seele verloren geht, kann sie auch die Kunst zerstören. BAP wurde zwar immer wieder renoviert, die Band hat sich weiterentwickelt, die Musik, die Texte, aber sie hat ihre Seele behalten. Nur diese Treue zum Wesentlichen bei gleichzeitiger Neugier auf Neues macht aus Talenten große Künstler.

Manche empfinden diese Treue und Aufrichtigkeit als etwas Altmodisches, Unmodernes. Wenn das stimmt, ist Wolfgang Niedecken zumindest erfrischend unmodern. Die Werte, für die er steht, sind in unserem Zeitalter der Flüchtigkeit, der Unverbindlichkeit und der kapitalistischen Kühle jedenfalls wichtiger als je zuvor, und alles andere als von gestern.

Niedeckens Horizont reichte immer über die jeweilige Sorge um den nächsten Hit hinaus. Ihm ist eben nicht egal, was um ihn herum geschieht, in jener Gesellschaft, in deren Mitte er lebt. Und er schweigt nicht, wenn er glaubt, dass die Gesellschaft gerade im Begriff ist, die falsche Kurve zu nehmen. Wo es ihm notwendig erschien, hat er sich engagiert, hat Stellung bezogen, die Stimme erhoben. Er wurde zum Gesicht der großen „Arsch huh“-Konzerte gegen Ausländerfeindlichkeit, für die er auch die legendäre Hymne schrieb. Er hat sich früh gegen den Irak-Feldzug der Bush-Krieger engagiert. Seit vielen Jahren hilft Niedeckens Projekt „Rebound“ zudem den Opfern von Bürgerkriegen und Despoten in Afrika. In Uganda ermöglichte „Rebound“ ehemaligen Kindersoldaten zu einer zweiten Chance, deren Leben bereits in jüngsten Jahren zerstört schien. Dasselbe geschieht derzeit mit geschändeten jungen Frauen im Ostkongo. Für sein Engagement wurde Niedecken mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und dem Verdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Es gibt die krude, aber weit verbreitete Annahme, dass es die Kunst entwerte, wenn der Künstler sich, – welch schlimmes Wort! – politisch engagiere. Nichts ist absurder als das. Denn was ist das bitte für ein Kunstverständnis, das Künstler in die gesellschaftliche Teilnahmslosigkeit drängt, das von ihm verlangt, sich abzukapseln von der Welt? Lieder wie „Arsch huh, Zäng ussenander“, „Noh Gulu“,„Wellenreiter“ oder „Denn mer sinn widder wer“ beweisen jedenfalls, dass sich beides miteinander verbinden lässt: große Kunst und inneres Anliegen.

Wenn man Niedecken richtig ärgern möchte, muss man ihn übrigens mit dem Wort „Gutmensch“ konfrontieren. Ihn stört nicht der Begriff an sich, sondern die Haltung derer, die ihn verwenden: der Zynismus, die Hochnäsigkeit und Arroganz, auf jene hinabzublicken, die wenigstens versuchen, einen Unterschied zu machen – auch wenn nicht jeder Versuch von Erfolg gekrönt ist. Niedecken teilt in dieser Hinsicht das Schicksal Heinrich Bölls, des anderen großen Kölners, der zu Lebzeiten von manchen als „Guter Mensch von Köln“ belächelt wurde, obwohl dies eigentlich ein Ehrentitel sein sollte.

Eine der schönsten Eigenschaften an Wolfgang Niedecken ist, dass er über all die Jahrzehnte und trotz mancher Rückschläge nie zynisch wurde. Dass er nie zu jenen überlief, die für sich den Schluss zogen, dass eh alles keinen Sinn mache und sich, im Stile der Biedermeier, nur noch um das eigene kleine Leben kümmerten. Wolfgang Niedecken hat sich über all die Jahre den Anstand bewahrt und zugleich nie den Antrieb verloren. Inzwischen hat er übrigens eine Entgegnung auf den albernen Vorwurf gefunden: „Gutmensch ist allemal besser als ein Schlechtmensch.“

Im Zentrum des Gesamtkunstwerks Niedecken aber stand immer seine Musik, die Kompositionen und Texte, die allenfalls indirekt von der Lage des Landes handeln, aber fast immer von den Höhen und Abgründen der menschlichen Existenz. Und von dessen treibendster Kraft, dem Teufel namens Liebe.

Seit mehr als 40 Jahren besingt Niedecken nun schon die großen und kleinen Dramen des Lebens, die meist auch seine Dramen waren. Ja, Niedeckens Hauptthema war immer sein Leben, aber weil dieses Leben so reich an Erfahrungen ist und so schlau reflektiert wird, ist es zugleich großer Stoff. „Verdamp lang her“ etwa ist nicht nur ein Knaller für jede Party, es ist auch die Geschichte der Sprachlosigkeit einer ganzen Nachkriegsgeneration. Wie bei Wolfgang und seinem Vater Joseph Niedecken zogen Krieg und Nazizeit einen tiefen Graben durch Millionen Vater-Sohn-Beziehungen. Und so schwingt, wenn die Fans den Refrain mitgrölen, immer auch ein Schuss bundesrepublikanischer Trauer mit.

Wer einmal erlebt hat, mit welcher Akribie Wolfgang Niedecken an der perfekten Setlist tüftelt, der richtigen Reihenfolge der Lieder bei Konzerten, der weiß, dass hier ein sehr präziser, gewissenhafter Handwerker am Werke ist – und zugleich ein Experte für Stimmungslagen. Er kennt es, das ganze Arsenal der Empfindungen, und er verleiht ihnen in seinen Liedern Ausdruck. Das bittersüße Gefühl der Wehmut etwa wurde selten so gut in einem Lied verdichtet wie im traurig-schönen Song „Nix wie bessher“.

Das Geheimnis dieser großen Karriere hat Niedecken vor wenigen Jahren in seinem Song „Noh all dänne Johre“ vom Album „Halv su wild“ verraten. Es ist der Bericht eines ebenso altersweisen wie altersmilden Mannes. Im Refrain heißt es:

„Noh all dänne Johre
Met all dä Unruh enn dä Seel,
Met der e' nie jrooß irj'ndwo ahnkohm
Un trotzdämm immer noch
Jottweißwo hinwill.“

Diese Unruhe in der Seele, dieser ewige Schaffensdrang ohne Vollendung hat seine Schattenseiten. Vor vier Jahren überstand Wolfgang Niedecken einen Schlaganfall, mit Glück und den Geistesblitzen seiner Frau Tina, glimpflich. Aber es gibt noch andere Nebenwirkungen dieses Künstlerlebens. Niedecken hat sie in seiner Autobiografie „Für ne Moment“ beschrieben: „Als ich meinen Vertrag mit der Zukunft unterschrieben hatte, war mir bewusst gewesen, was ich tat. Ich hatte akzeptiert, dass die Selbstzweifel, die Ratlosigkeit und die Stunden in Finsternis ebenso dazugehörten wie die kostbaren Augenblicke.“

So waren und sind die Phasen von Melancholie und Schwere ebenso Teil seines Lebens wie rheinische Leichtigkeit und die jugendliche Freude an so nebensächlichen Dingen wie den Fußballspielen des 1. FC Köln. Diese dunklen Phasen sind wohl beides, die Quelle und zugleich der Preis für dieses außergewöhnliche Werk.

Im Song, der von der Unruhe der Seele handelt, singt Niedecken auch über den Rhein, der dahinfließt, Richtung Rotterdam, und dann schließlich in die See.
„Un he drin dräump sick Oktober ene Mann,
Dä blieht wohl für't Eezte he.“

Wir wünschen es ihm. Und uns.


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